Alpinismus ohne Reue

Anmerkungen zu den Grönlandexpeditionen des DAV-Expeditionskaders

Ein Wesensmerkmal von Jahresrückblicken stellt sich zusammen aus einer Melange von Melancholie, Rückbesinnung und froher Erwartung, weshalb diese Formate so perfekt in die Zeit um Weihnachten und dem Jahreswechsel passen. Auch der BR, mit seiner Bergsteigersendung Bergauf-Bergab, versorgt seine treue Klientel, also uns, mit einer entsprechenden Zusammenfassung alpinistischer Höhepunkte zum Jahresausklang. Der Bergauf-Bergab Jahresrückblick 2023 hinterlässt einen zwischen Fassungslosigkeit und Fatalismus schwankenden BeOBACHTer.
Der erste Beitrag bot eine ohne jeden Zweifel perfekte Einstimmung mit einem Film über eine Unternehmung der Pfennigparade, einer Einrichtung für behinderte Menschen, und der Bergwacht München, bei der den Behinderten ein Ausflug zum Rotwandhaus, mit Aufstellung eines Kreuzes ermöglicht wurde. Das war´s dann aber schon an bewegenden Momenten in diesem Jahresrückblick 2023, was folgte, war ein Sammelsurium an „brauchts des“, und „höher, schneller, weiter“. Etwa die schier unvorstellbare Leistung der „Bergfreundinnen“, welche mit dem Gravelbike -immerhin ohne E!- die Strecke München-Paris zurücklegten und auch mehr oder weniger erschöpft dort ankamen. Oder der Beitrag über die „Bergmenschen“, bergabradelnde Damen mit Thematisierung der Herausforderung, wie gehen Profisport und Mutterschaft zusammen. Nun aber der Topact dieses Jahresrückblicks, die Abschlussexpedition des Frauen-Expeditionskaders des DAV. Nachdem im Vorjahr die Abschlussexpedition der Männer Bestandteil des Rückblicks war, nun die Frauen. Bilder von jungen Frauen in rauher, unberührter Landschaft, den Widrigkeiten der arktischen Witterung ausgesetzt, allein zur Erstbesteigung großer Wände in der nördlichsten Landfläche der Erde.
Da schickt also Deutschlands größter Naturschutzverband seinen alpinen Nachwuchs, selbstverständlich mit dem Flugzeug, über 3.500 km auf eine Insel im Nordatlantik, um den Alpinismus als Kernaufgabe und geradezu sinnstiftendes Element der Alpenvereine, speziell unter jungen Erwachsenen zu fördern. (zitiert aus den Grundgedanken der „Erfinder“ des Exped-Kaders)
Ist dies noch zeitgemäß? Angesichts der sich spür- und sichtbar zuspitzenden Klimakrise muss diese Frage erlaubt sein. Gibt es innerhalb des Alpenbogens tatsächlich keine ähnlichen Herausforderungen für junge Alpinist:innen? Klar, könnte man einwenden, die Frage stellt ein alpinistischer „Schwammerlsucher“ ohne Expeditionshintergrund.
Bergsport setzt immer einen relativ hohen Grad an Mobilität voraus und jeder von uns hat sich im Laufe seines Bergsteigerlebens einen ziemlich großen CO2-Rucksack aufgeladen. Doch gerade Bergsteiger, zumal wenn sie in den vergletscherten Regionen unterwegs sind, können den dramatischen Eisverlust in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht ausblenden und es braucht schon ein hohes Maß an Ignoranz, die Auswirkungen des eigenen Tuns nicht mit dem aktuellen Zustand glazial geprägter Landschaften in Verbindung zu bringen.
Das wirklich Irritierende an der Geschichte aber war die völlige Abwesenheit dieses doch gesellschaftlich so bestimmenden Themas und gerade der jungen Generation müsste dies ein Anliegen, besser noch ein Überlebensthema sein. Selbst im anschließenden Interview mit der Leiterin des Kaders und einer Expeditionteilnehmerin schaffte es Moderator Michael Düchs die Frage nach der Klimaverträglichkeit solcher Unternehmungen aufs Sorgfältigste auszublenden. Auf der DAV-Website des Expedkaders sucht man nach einer Einordnung oder kritischen Auseinandersetzung ebenso vergeblich. Vielleicht existieren ja für den DAV zwei Welten in welchen er wirkt, jene des Breitensports mit Nachhaltigkeitsappellen und das tabernakelgleiche Areal des Spitzensports, in welchem, befreit von allen irdischen Zwängen die hohe Kunst des Spitzenbergsports ausgelebt wird.
Wir nehmen also zur Kenntnis, dass es sie gibt, die heile Welt der Alpinisten, wo das Hochamt der Großtaten wahrer und künftiger alpiner Heroen zelebriert wird, ohne die Zwischenrufe kleinkrämerischer Klimasektierer und Bedenkenträger, feierlich aufbereitet und kommentiert, von „unserem“ BR.

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