Leben und leben lassen?  Oder: Mia san mia!

Gedanken zum Selbstverständnis dörflicher Gemeinschaften.

In einer augenscheinlich ständig komplexer werdenden Gesellschaft sehnen sich viele Menschen nach überschaubaren Lebensumfeldern, in welchen tradierte Werte und Zusammenhalt einen Gegenentwurf zur Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit moderner (Stadt-) Gesellschaften darstellen.

Landläufig wird dieses Lebensmodell, in einer naiv-verklärten Außenwahrnehmung, in dörflichen Strukturen verortet.
Zahlenmäßig überschaubaren Gemeinschaften ist zweifelsohne ein gewisser selbstverordneter Wertekanon zu eigen. Legislative und Judikative werden hier „unter einem Dach“ in aller Regel von gesellschaftlich und sozial exponierten Personen/Gruppen ausgeübt. Wobei der in früheren Zeiten dominierende Einfluss der Kirche auch hier im Schwinden begriffen ist.

Was bedeutet dies nun in Hinblick auf das dörfliche Leben hierzulande?

Traditionsbewusstsein, Bodenständigkeit, Gemeinsinn, Liebenswürdigkeit und Selbstbewusstsein stellen das häufig kolportierte (Selbst-) Bild bayerischer Lebensart dar.

Bei entsprechender Kenntnis dörflicher Hegemonial- und Sozialstrukturen muss dieser Charakterzuschreibung in wesentlichen Punkten doch widersprochen werden, bzw. bedarf dies einiger korrigierenden Einordnung.

In den ländlichen Gebieten dominiert gemeinhin ein patriotisch konservatives Gesellschaftsbild, welches seine Wurzeln in der bäuerlichen Lebenswelt hat.

Aus diesem Milieu und der katholischen Kirche emulgierte auch die dörfliche Leitkultur und rekrutieren sich die, den Diskurs und die Meinungsführerschaft bestimmenden Protagonisten. Wirtschaftlich und sozial exponiert, geübt im Populismus, besetzen sie sämtliche Führungspositionen in dorfintern relevanten Bereichen, von der Feuerwehr über Veteranenvereine, Wasser- und Bodenverband bis zu den Burschenvereinen und sichern sich so ihren Einflussbereich, zum Wohle der Dorfgemeinschaft und zur Sicherung der eigenen Pfründe. Ihr Wort hat Gewicht und ist Gesetz, dies wird von den Vereinsmitgliedern kritiklos übernommen, verstärkt und nach außen getragen.

Gleichwohl, ohne dem Herdentrieb, also einer größeren Anzahl von „Mitmachern“ und Mitläufern“ würde dieses Machtkonstrukt nicht funktionieren. Konformität sticht Individualität, alleine das beruhigende Gefühl aufseiten der Mehrheit zu stehen, auch wenn man von der Lex rustici wenig, bis gar nicht profitiert, ist scheinbar Lohn genug. Dieses, rational nicht zu begründende Verhalten, lässt sich auch vielfach in den Kommunalparlamenten beobachten.

Hinzugezogene und all jene, die sich von den dörflichen Gepflogenheiten nicht ohne weiteres assimilieren lassen, werden ausgegrenzt und sehen sich Argwohn, abwertenden Blicken und gar übler Nachrede ausgesetzt.

Die geltenden Dorfgesetze bestimmen den Wertekanon, entscheiden über Dazugehören oder Verachtung. Sollte, was selten genug vorkommt, ein Mitglied aus den „eigenen Reihen“ leise Kritik anklingen lassen, wird versucht dies intern auf subtile Art und Weise zu regeln, misslingt dies und der Betroffene erweist sich als unbeugsam, ergießen sich Spott und Häme über ihn und er wird als Nestbeschmutzer diffamiert.

Auch offensichtliche Verstöße gegen Gesetze und geltendes Recht durch die Dorfmehrheit bleiben in der Regel ungeahndet. Die Möglichkeiten zur Vertuschung und gewisses Fehlverhalten unter den Teppich zu kehren, sind mannigfaltig und geübt. Dass hier mit einem überbordenden Selbstbewusstsein aufgetreten wird, kommt nicht von Ungefähr, die, entsprechend den Mehrheitsverhältnissen besetzten Kommunalparlamente und Bürgermeister, spielen so manches üble Spiel mit, würden sie es doch niemals wagen, gegen den dörflichen Konsens und dessen Meinungsführer, meist aus dem landwirtschaftlichen Milieu und somit Herr über Grund und Boden, die Hand zu heben.  

Und so bleibt alles so, wie es immer war, „mia san schließlich mia“    

3 Kommentare zu „Leben und leben lassen?  Oder: Mia san mia!

  1. Ja, das war mein entscheidender Denkfehler als vor inzwischen über 24 Jahren hierher gezogen bin!

    Be.

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  2. Lieber Friedl,

    das hast Du wunderbar beschrieben! Für uns ist es tatsächlich so, dass wir nicht hier wohnen würden, wenn wir nicht landschaftlich so schön wohnen würden, dass wir aus unserem Haus unverbaut und ohne Stromleitung bis zum Horizont schauen könnten. Das Einzige zivilisatorische, das wir sehen, ist ein Jägerstand, den meist die Milane als Solchen nutzen.

    Wir „witzeln“ immer rum, dass die „grüne Mafia“ das Dorf beherrscht, gefolgt von der „roten Mafia“ und wir meinen damit den Trachtenverein und die Feuerwehr. Wir sind den Lastwagen hinterhergefahren, die beim Greinergrundstück , das er so billig bekommen hat, weil es entsorgt werden musste, die Erde weggefahren haben. Sie wurde am Kochelsee neben einem Bach abgeladen, ein anderer Wagen ist uns weit oben in den Kochler Hügeln begegnet….Als Hannes sich mal für die Jugendarbeit engagierte und die Vereine eingeladen hat, um sie über die Situation der Jugend zu informieren, mit den Zahlen aus dem Landratsamt…. haben sie uns gesagt, wir sollten hier wegziehen oder uns schusssichere Westen kaufen. Wir hatten dann gleich mal einen platten Reifen (mit einer aufgestellten Schraube) und zwei kaputte Windschutzscheiben, eine davon wohl mit Schrotkugeln beschädigt, wie ein Bundeswehrler vermutete….

    Insofern wissen wir ganz genau, wovon du sprichst.

    Ja, es schaut nach außen hin romantischer aus als es im Inneren ist.

    Danke für diesen Beitrag!

    Herzliche Grüße

    Anna

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  3. Auf den Punkt. Wer nicht mitschwimmt geht unter oder wird getaucht. Die dörflich verschlungenen Wege über alle Schichten hinweg können Geradlinigkeit nicht verbiegen – und das ist gut so.

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