Im geografisch fernen Indien agitiert ein radikalhinduistischer Mob aggressiv und gewalttätig gegen Muslime. Die größte religiöse Minderheit wird für die Entstehung und Ausbreitung des Coronavirus verantwortlich gemacht, in Hindu-Kreisen wird mittlerweile vom „Corona-Dschihad“ gesprochen. Radikalisierung, Verschwörungsmythos, Gewaltexzesse, unter einer „normalen“ Ausgangslage sämtlich Zustandsbeschreibungen gesellschaftlich wenig gebildeter Unterschichten, meist vorzufinden in Entwicklungsländern.
Währenddessen verabredet sich im wohlstandsverwöhnten Deutschland eine Minderheit zu abendlichen Spaziergängen, um ihren Unmut gegen die Zumutungen einer Pandemie Luft zu machen. Wohlweislich wird vermieden, die Aufmärsche als das zu betiteln was sie sind, Demonstrationen. Diese müssten jedoch angemeldet und genehmigt werden, außerdem soll durch den Begriff des Spaziergangs das durchwegs friedliche und arglose Bild bürgerlicher Lustwandler, einer Lichterprozession nicht unähnlich, suggeriert werden.
Betrachtet man dieses Sammelsurium von Mitmarschierern aus den unterschiedlichsten Milieus eingehender und lauscht ihren skandierten Schlagworten, beschleicht einem eine Art Selbstzweifel.
Hat man selbst einen grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Wandel in der Herrschaftsform verpasst oder sind diese Spaziergänger per Zeitreise soeben in der Jetztzeit angelangt und haben Probleme sich hier zurechtzufinden?
Oder mit der gebotenen realistischen Analyse: zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Voraussetzungen sind sie abgebogen und haben sie den Pfad der analytischen Betrachtung und Auswertung verlassen?
Der soziale Status der überwiegenden Mehrheit der Spaziergänger lässt jedoch Schlüsse auf die Beweggründe zu.
Hier verabreden und treffen sich zum großen Teil die unzufriedenen Saturierten, deren Impetus die Ablehnung jeglicher auferlegter Verordnung und Bevormundung darstellt. Eine Melange aus Wohlstandstrotz, Nabelschau und esoterischer Grundkonzeption, vereint im selbstgewebten Feindbild einer verhassten modernen Dreifaltigkeit, bestehend aus Politik, Wissenschaft und Journalismus. Erschreckend vor allem die Willkür und Rücksichtslosigkeit in den Ausdrucksformen sowie die Radikalität in psychischer und physischer Hinsicht.
Selbst die Bereitschaft, Kinder als Schutzschilde zu instrumentalisieren, erscheint legitim. Tabubrüche gehören zur argumentativen Grundausstattung und zum Programm.
Spätestens hier sollte für die zweifelsohne unter ernsthaften Motiven und Sorgen Mitmarschierenden, die rote Linie überschritten sein und sich die Restfragmente objektiven Beurteilungsvermögens zu Wort melden und der Verstand einschalten. Werden bei den Aufmärschen in lauterer Absicht die tatsächlichen Sorgen und Ängste thematisiert oder wird der Auftritt für eine politische Restauration missbraucht?
Erschreckend wie willfährig in die ausgelegten Leimruten nationalistischer Demagogen und Organisationen getappt wird.
Die viralen Aktivitäten, quasi als Vorglühen in den sozialen Medien, wirkt als Dünger auf das Substrat aus Unzufriedenheit und persönlicher Einschränkung. Mittels Beiträgen zweifelhafter Experten, rechtskonservativer Journalisten und rassistischen Thesen der rechts-nationalen Politelite – von Maaßen bis Kickl – wird gehetzt und mobilisiert.
Zumeist verborgen für den Großteil der Öffentlichkeit, wird über einschlägige Messengerdienste wie Telegram kooperiert, doch selbst die Kommentare und Verlautbarungen in populären Diensten, wie facebook, lassen den unvoreingenommenen Betrachter ratlos zurück.
Gerne wird, gerade von Coronaleugnern, das Bild von der Spaltung der Gesellschaft entworfen, dies ist, bei aller Ernsthaftigkeit des Problems eine doch recht kühne These, angesichts der gegebenen Verhältnisse lässt sich eine lediglich die Abspaltung einer Minderheit von einer problembewussten Mehrheit feststellen. Doch kann es sich eine Gesellschaft nicht leisten diese Minorität abzuschreiben und den Rattenfängern mit ihren kruden Verschwörungsphantasien und faschistischem Gedankengut zu überlassen. Politik und Gesellschaft müssen Hand in Hand mit Wissenschaft und mit offensiv geführtem Diskurs ein Klima des Miteinander schaffen. Gerade in Krisenzeiten darf es hier kein parteipolitisches Taktieren und Korruption auf dem Rücken der Gesellschaft geben, dafür steht zu viel auf dem Spiel.
Die aktuelle Bewältigung der aktuellen Pandemie muss auch als Bewährungsprobe für die weitaus umfassendere Problemstellung der Erderhitzung angesehen werden.
Wie immer sehr treffend analysiert und geradezu sprachgewaltig formuliert. Nur wie erreicht man die Köpfe der „unzufriedenen Saturierten“ Wohlstands-Trotz- und Stur-Köpfe? Herr, lass Hirn regnen! B.S:
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