Waren in den vergangenen Wochen, während des übellaunigen und von der Dunkelheit dominierten Herbstes, unsere Städte und Siedlungen eher trist anzusehen, erfüllt seit spätestens Mitte November zunehmend Lichterglanz die Gassen. Das Wettrennen um den höchsten und am ebenmäßigsten gewachsenen Nadelbaum, insbesondere vor Kirchen, öffentlichen Gebäuden und in Einkaufsstraßen, hat eingesetzt. Wohl kein anderes Objekt symbolisiert das Weihnachtsfest dergestalt, ist aber auch von unzähligen Erwartungen überfrachtet wie der Weihnachtsbaum, bayerisch „Krischbaam“. Ist ja irgendwie auch nicht verwunderlich. So ein Trumm von einem illuminierten Baum macht schließlich deutlich mehr her, als das kulturhistorisch wesentlich ältere Kripperl.
Aber das Gewese, welches alljährlich um eine schlichte Konifere gemacht wird, sucht schon seinesgleichen. So füllten die hämischen Kommentare ganze Seiten der Boulevardblätter, angesichts des von der Gemeinde Freyung-Grafenau gespendeten, etwas schepsen Christbaums auf dem Münchner Marienplatz. Egal ob Privathaushalt oder Geschäftsbetrieb, der Ritus rundum die Auswahl des geeigneten Gewächses bewegt die Gemüter. Die Anschaffung eines Weihnachtsbaumes zwecks Ausschmückung und vorweihnachtlicher Verzauberung der Gewerberäume, bemüßigt nahezu alle Mitarbeiter zur einigermaßen emotionalen Mitsprache und ist geeignet, den Geschäftsbetrieb über Wochen lahmzulegen. Die mittlerweile zur Glaubensfrage mutierte „Baumfrage“ hat auch die kleinste gesellschaftliche Zelle erreicht, die Familie. Die Zeiten, in denen die Auswahl der „Zimmerfichte“ vom Familienoberhaupt „par Ordre du Mufti“ entschieden wurde, perdu! Die Demokratisierung stimmungsentscheidender Auswahlprozesse in der Weihnachtszeit, zur Herstellung des originären weihnachtlichen Ambientes und einer gewissen Vorzeigbarkeit, Stichwort Verwandtschaftsbesuch, hat ein bedenkliches Ausmaß angenommen.
Der Autor, dieser persönliche Einwurf sei ihm gestattet, kann ein Lied davon singen.
Die auf Geheiß eines Försters eigenhändig geschlagene Fichte war zwar unter ökologischen Gesichtspunkten mehr als politisch korrekt, wurde im Familienkreis jedoch nur wenig goutiert und führte zu handfesten emotionalen Verwerfungen, welche dem Weihnachtsfrieden nur wenig zuträglich gewesen wären. Nur durch reumütiges Einlenken in dieser Schicksalsfrage (Kauf einer stattlichen Nordmanntanne), konnte die Situation zu einem guten Ende geführt werden.
Stellt man dann erleichtert fest, dass im Hinblick auf Baumart, Größe, Bewuchsdichte und Ausladung, doch noch die divergierenden Ansprüche aller Beteilgten berücksichtigt wurden, dräut bei der Entscheidung in Sachen Beleuchtung und Ausschmückung weiteres Ungemach. Wachskerze (im Idealfall Bienenwachs) oder elektrisch (klassisch oder LED)? Der ewig alte Grundsatzstreit eben, Romantiker versus Pragmatiker! Bunte Kugeln oder schlicht einfarbig? Zugegeben hängt dies in nicht geringem Maße vom jeweiligen Wohntrend-Abonnement, „Landlust“ oder „Schöner Wohnen“ ab.
Ungeahnte Fallstricke allenthalben! Und vielleicht ist die (Vor-)Weihnachtszeit ja schlicht nichts anderes als die Nagelprobe (zwischen-)menschlichen Zusammenlebens?
Bei schlichteren Naturen verfangen die durch Zimt- und Orangenduft befeuerten Emotionen so gut wie nicht und sie zeigen sich geradewegs immun gegenüber all diesen vorweihnachtlichen Grundsatzdiskussionen. Bar jeglicher tradierter Verhaltensmuster wird genommen, was der Markt gerade so feilbietet, z.b. den Kunststoff-Weihnachtsbaum mit „Easy-Plug-TechnologyTM“ und „True-NeedleTM“-Nadeln (gibt’s wirklich und auch als „halben Baum“!).
Fällt ihre rationale Kaufentscheidung unüblicherweise tatsächlich auf ein Naturprodukt, bedient man sich, befreit von allen ökologischen Bedenken, im Online-Christbaumandel oder im Angebot der zahllosen wegelagernden fliegenden Baumverkäufer. An Heiligabend wird das gute Stück vom Transportnetz befreit und in der guten Stube drapiert, die LED-Lichterkette darübergestülpt und das Schneespray erledigt den Rest.
Insbesondere Baum-Exemplare dieser Provenienz sind Zeit ihres kurzen Lebens einer hohen Pestizidbehandlung ausgesetzt. Dies hat wiederum für das Gewächs den Vorteil, dass es hierdurch auch eine hohe Resilienz gegenüber der an Heilig Abend üblichen musikalischen Darbietungskunst, Stichwort Blockflöte, aufweist.
In Anbetracht all dieser zwar zeit- und nervenschonenden Optionen, entscheidet sich der Autor doch lieber für die traditionelle Herangehensweise mit den allfälligen Fallstricken.
Wie auch immer Sie sich, liebe Leser, entscheiden mögen, wir wünschen Ihnen eine ruhige Adventszeit und besinnliche Feiertage unter einem glitzernden, fein duftenden Christbaum.
Kaum traut man sich diesen wohlgesetzten Worten etwas entgegen zu stellen. Sicherlich wurde hier gefeilt, zusammengetragen und wieder wohl abgewogen, um die Absurdität unseres weihnachtlichen Feierns ins rechte Licht zu rücken.
Dass man aber an dieser Stelle, quasi hinterrücks erfährt, dass der, nach tagelangem Abwägen, immer wieder umtänzelte, ja wie bei Bavaria`s Next TopKischbaam – ja das trifft es gut – mit voyeurhaft großen Glubschaugen Erkorene, es dann doch nicht ins Wohnzimmer schafft – daaaas macht einen fassungslos.
Karl Kraus`s Worte immerhin stimmen: „Auch Zwerge werfen lange Schatten“!
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