Der Preis wäre heiß

46 Jahre ist es nun her, dass der Club of Rome seine Studie zur Zukunft der Weltwirtschaft unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ am St. Gallen Symposium vorstellte. Der politisch-wissenschaftliche Diskurs über die menschengemachte Erderwärmung war noch eineinhalb Jahrzehnte entfernt. Seit Anfang der 1990er Jahre, als sich die Anzeichen darauf verdichteten, folgten unzählige weitere Warnungen aus den Reihen der Wissenschaft und von Umweltverbänden, aber auch die Kirchen widmeten sich dem Thema. Den wohl prominentesten Weckruf zu einem verantwortungsvollen Umgang mit der Erde veröffentlichte Papst Franziskus mit seiner zweiten Enzyklika unter dem Titel „Laudato si´“. Auf internationaler politischer Ebene fanden seit dem Umweltgipfel 1992 in Rio 23(!) Weltklimakonferenzen statt. Der als Erfolg gefeierte Gipfel 2015 in Paris endete mit einer Absichtserkläung die Erderwärmung auf deutlich unter 2°C, idealerweise 1,5°C bis zum Jahr 2100, im Vergleich zum vorindustriellen Level, zu begrenzen.
Die konkreten Auswirkungen einer Erwärmung um diese 1,5°, bzw. 2° für die Erde und die Menschheit stellte nun der IPCC in seinem Special Report vor. Explizit wurde dabei herausgearbeitet, welche gravierenden Unterschiede für den Fortbestand der Erde ein, nach menschlichem Empfinden läppisches, halbes Grad bedeuten. Der geneigte Leser kann sich unter https://www.de-ipcc.de/256.php den Bericht des IPCC gerne zu Gemüte führen. Grundsätzlich sollte uns bewusst sein, dass das Zwei Grad Ziel nur mit entsprechend großen Anstrengungen zu erreichen ist, deren Umsetzung bisher nicht ansatzweise erkennbar ist. Sollten wir in gewohnter Weise weiter wirtschaften, werden es bis zum Ende des Jahrhunderts 3-4° mehr sein.

Nun, es ist ja nicht so dass wir alle durch die Veröffentlichung der Wissenschaftler überrascht wurden, die einschlägigen Bilder haben sicher die meisten von uns vor Augen, wobei sich wahrscheinlich das Bild des verhungernden Eisbären am stärksten in die virtuelle Netzhaut eingebrannt hat. Dass bei einem „Weiter so“ bis zur Mitte des Jahrhunderts etwa 40 Millionen Menschen aufgrund des steigenden Meeresspiegels ihre Heimat verloren haben, erscheint dramatisch, lässt sich aber auch nur schwer visualisieren und ist somit für uns nahezu unvorstellbar und ebendarum schwer beeinflussbar.

Die Wissenschaftler des Weltklimarates belassen es nicht beim Berichten, sie stellen klare Forderungen und geben Handlungsanweisungen, diese, so steht zu befürchten, verfehlen wie immer die Adressaten und dienen, wenn überhaupt nur als Manuskript für Sonntagsreden in elitären Zirkeln, tags darauf: bussines as usual.
Die Bewältigung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Tranformationsprozesses scheitert nicht an technologischen, sondern an psychischen Grenzen. Der Wandel, hin zu einem zukunftsfähigen Gesellschaftsmodell ist eine kollektive Aufgabe.
Primär sind alle politisch Verantwortlichen gefordert, sie müssen sich aus ihrer verwalterischen Rolle verabschieden und den Mut entwickeln, endlich gestalterisch zu wirken und dies in nahezu allen Politikfeldern.
Ein Umdenken in der Mobilität finge schon mit einem Tempolimit auf Autobahnen an und könnte eine Verkehrswende einläuten, eine längst überfällige Agrarwende würde die tatsächlichen gesamtgesellschaftlichen Kosten bei konventionell erzeugten Lebensmitteln einpreisen, die somit deutlich teurer als Bioprodukte wären. Die politische Gestaltungskraft der Ministerien in diesen Politikfeldern als marginal zu bezeichnen wäre euphemistisch gesprochen, die Interessenvertreter der Autobauer und der industriellen Landwirtschaft leisten hier exzellente Arbeit und entsprechend Widerstand gegenüber jedwede Veränderung. Als gesamtwirtschaftlicher politischer Ansatz böte sich eine CO2-Steuer an, diese wäre nach Ansicht der Ökonomen im IPCC ein wirksames Marktinstrument.

Aber auch die Gesellschaft steht in der Pflicht. Wir müssen uns von Verbrauchern zu Nutzern entwickeln, bzw. emanzipieren. Ist es wirklich notwendig und zeitgemäß, wenn wir uns als Individuen von 75 kg Körpergewicht, in Fahrzeugen mit zweieinhalb Tonnen Leergewicht durch die Stadt oder in die Berge transportieren lassen? Haben wir ein Anrecht auf beliebig viele Inlandsflüge oder den Wochenendtrip nach New York? Verstehen wir das unter Lebensqualität? Ist unser reflexhafter, als Lifestyle deklarierter Konsumismus ein tatsächliches Bedürfnis oder Ablenkung? De facto handelt es sich hierbei in erster Linie um Resourcenverbrauch. (der Autor sieht auch das eigene Handeln hier durchaus kritisch)
Von der Überzeugung beseelt, nachhaltig zu konsumieren, geben wir uns auch gerne der Illusion hin, alleine durch die ausschließliche Nutzung erneuerbarer Energien wäre die Welt (ohne Einschränkung des gewohnten Lebensstils) zu retten. Der Folgen dieses Irrtums werden wir erst gewahr, wenn uns der landschaftsverändernde Flächenanspruch der Erneuerbaren Energien, z.B. bei Wasser- oder Windkraft vor Augen geführt wird.
Die Medien verrichten natürlich ebenfalls ihren Dienst im Räderwerk unserer auf Wachstum getrimmten Ökonomie. So sind selbst anspruchsvollere Produkte im Printbereich bar jeglicher ethischen Skrupel und präsentieren neben dem wachstumskritischen Aufsatz ungeniert die großformatige Anzeige der neuesten automobilen Innovation in Form eines Hybrid-SUVs.

Man kann unseren Lebensstil mit einem Fahrzeuglenker vergleichen, der ohne Bremsvorrichtung dahingleitet, dass dies unweigerlich zu einem Unfall führt, ist evident, alleine der Zeitpunkt ist unklar. Dass gerade die hochentwickelten wirtschaftlichen Nationen, allen voran Deutschland, prädestiniert für den überfälligen Transformationsprozess sind, begründet sich nicht nur im wissenschaftlichen und technologischen Potential, als Hauptverursacher, Profiteur und Antreiber des wirtschaftlichen Wachstumsmodells fällt uns auch die ethische Komponente zu.

Die verbleibende Zeit, den Wandel hinzubekommen, rinnt dahin wie das Steckerleis im Hitzesommer 2018. Und während rechtskonservative Gesellschaftsschichten, befeuert durch Hetzparolen politischer Hasardeure, die Angst vor einer Islamisierung zelebrieren, wirtschaftsliberale Kräfte, bei Forderungen nach einer Ökologisierung, mit Arbeitsplatzverlusten drohen, verheeren sintflutartige Unwetter, als Vorboten weitaus dramatischerer Wettererscheinungen, die Balearen und weitere Mittelmeeranrainer. Die „Einschläge“ kommen also näher, ideologisch motiviertes Wegschauen ist nahezu unmöglich, auf alle Fälle grob fahrlässig.
Vermutlich ist unsere Gesellschaft für einen Umbruch durchaus bereit, es mangelt den politisch Verantwortlichen an Entschlusskraft und Visionen, diesen Wandel, hin zu einer zukunftsfähigen Wirtschaftsweise, zu vermitteln und sozial gerecht zu gestalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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