Alpinismus ohne Reue

Anmerkungen zu den Grönlandexpeditionen des DAV-Expeditionskaders

Ein Wesensmerkmal von Jahresrückblicken stellt sich zusammen aus einer Melange von Melancholie, Rückbesinnung und froher Erwartung, weshalb diese Formate so perfekt in die Zeit um Weihnachten und dem Jahreswechsel passen. Auch der BR, mit seiner Bergsteigersendung Bergauf-Bergab, versorgt seine treue Klientel, also uns, mit einer entsprechenden Zusammenfassung alpinistischer Höhepunkte zum Jahresausklang. Der Bergauf-Bergab Jahresrückblick 2023 hinterlässt einen zwischen Fassungslosigkeit und Fatalismus schwankenden BeOBACHTer.
Der erste Beitrag bot eine ohne jeden Zweifel perfekte Einstimmung mit einem Film über eine Unternehmung der Pfennigparade, einer Einrichtung für behinderte Menschen, und der Bergwacht München, bei der den Behinderten ein Ausflug zum Rotwandhaus, mit Aufstellung eines Kreuzes ermöglicht wurde. Das war´s dann aber schon an bewegenden Momenten in diesem Jahresrückblick 2023, was folgte, war ein Sammelsurium an „brauchts des“, und „höher, schneller, weiter“. Etwa die schier unvorstellbare Leistung der „Bergfreundinnen“, welche mit dem Gravelbike -immerhin ohne E!- die Strecke München-Paris zurücklegten und auch mehr oder weniger erschöpft dort ankamen. Oder der Beitrag über die „Bergmenschen“, bergabradelnde Damen mit Thematisierung der Herausforderung, wie gehen Profisport und Mutterschaft zusammen. Nun aber der Topact dieses Jahresrückblicks, die Abschlussexpedition des Frauen-Expeditionskaders des DAV. Nachdem im Vorjahr die Abschlussexpedition der Männer Bestandteil des Rückblicks war, nun die Frauen. Bilder von jungen Frauen in rauher, unberührter Landschaft, den Widrigkeiten der arktischen Witterung ausgesetzt, allein zur Erstbesteigung großer Wände in der nördlichsten Landfläche der Erde.
Da schickt also Deutschlands größter Naturschutzverband seinen alpinen Nachwuchs, selbstverständlich mit dem Flugzeug, über 3.500 km auf eine Insel im Nordatlantik, um den Alpinismus als Kernaufgabe und geradezu sinnstiftendes Element der Alpenvereine, speziell unter jungen Erwachsenen zu fördern. (zitiert aus den Grundgedanken der „Erfinder“ des Exped-Kaders)
Ist dies noch zeitgemäß? Angesichts der sich spür- und sichtbar zuspitzenden Klimakrise muss diese Frage erlaubt sein. Gibt es innerhalb des Alpenbogens tatsächlich keine ähnlichen Herausforderungen für junge Alpinist:innen? Klar, könnte man einwenden, die Frage stellt ein alpinistischer „Schwammerlsucher“ ohne Expeditionshintergrund.
Bergsport setzt immer einen relativ hohen Grad an Mobilität voraus und jeder von uns hat sich im Laufe seines Bergsteigerlebens einen ziemlich großen CO2-Rucksack aufgeladen. Doch gerade Bergsteiger, zumal wenn sie in den vergletscherten Regionen unterwegs sind, können den dramatischen Eisverlust in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht ausblenden und es braucht schon ein hohes Maß an Ignoranz, die Auswirkungen des eigenen Tuns nicht mit dem aktuellen Zustand glazial geprägter Landschaften in Verbindung zu bringen.
Das wirklich Irritierende an der Geschichte aber war die völlige Abwesenheit dieses doch gesellschaftlich so bestimmenden Themas und gerade der jungen Generation müsste dies ein Anliegen, besser noch ein Überlebensthema sein. Selbst im anschließenden Interview mit der Leiterin des Kaders und einer Expeditionteilnehmerin schaffte es Moderator Michael Düchs die Frage nach der Klimaverträglichkeit solcher Unternehmungen aufs Sorgfältigste auszublenden. Auf der DAV-Website des Expedkaders sucht man nach einer Einordnung oder kritischen Auseinandersetzung ebenso vergeblich. Vielleicht existieren ja für den DAV zwei Welten in welchen er wirkt, jene des Breitensports mit Nachhaltigkeitsappellen und das tabernakelgleiche Areal des Spitzensports, in welchem, befreit von allen irdischen Zwängen die hohe Kunst des Spitzenbergsports ausgelebt wird.
Wir nehmen also zur Kenntnis, dass es sie gibt, die heile Welt der Alpinisten, wo das Hochamt der Großtaten wahrer und künftiger alpiner Heroen zelebriert wird, ohne die Zwischenrufe kleinkrämerischer Klimasektierer und Bedenkenträger, feierlich aufbereitet und kommentiert, von „unserem“ BR.

Leben und leben lassen?  Oder: Mia san mia!

Gedanken zum Selbstverständnis dörflicher Gemeinschaften.

In einer augenscheinlich ständig komplexer werdenden Gesellschaft sehnen sich viele Menschen nach überschaubaren Lebensumfeldern, in welchen tradierte Werte und Zusammenhalt einen Gegenentwurf zur Unübersichtlichkeit und Unberechenbarkeit moderner (Stadt-) Gesellschaften darstellen.

Landläufig wird dieses Lebensmodell, in einer naiv-verklärten Außenwahrnehmung, in dörflichen Strukturen verortet.
Zahlenmäßig überschaubaren Gemeinschaften ist zweifelsohne ein gewisser selbstverordneter Wertekanon zu eigen. Legislative und Judikative werden hier „unter einem Dach“ in aller Regel von gesellschaftlich und sozial exponierten Personen/Gruppen ausgeübt. Wobei der in früheren Zeiten dominierende Einfluss der Kirche auch hier im Schwinden begriffen ist.

Was bedeutet dies nun in Hinblick auf das dörfliche Leben hierzulande?

Traditionsbewusstsein, Bodenständigkeit, Gemeinsinn, Liebenswürdigkeit und Selbstbewusstsein stellen das häufig kolportierte (Selbst-) Bild bayerischer Lebensart dar.

Bei entsprechender Kenntnis dörflicher Hegemonial- und Sozialstrukturen muss dieser Charakterzuschreibung in wesentlichen Punkten doch widersprochen werden, bzw. bedarf dies einiger korrigierenden Einordnung.

In den ländlichen Gebieten dominiert gemeinhin ein patriotisch konservatives Gesellschaftsbild, welches seine Wurzeln in der bäuerlichen Lebenswelt hat.

Aus diesem Milieu und der katholischen Kirche emulgierte auch die dörfliche Leitkultur und rekrutieren sich die, den Diskurs und die Meinungsführerschaft bestimmenden Protagonisten. Wirtschaftlich und sozial exponiert, geübt im Populismus, besetzen sie sämtliche Führungspositionen in dorfintern relevanten Bereichen, von der Feuerwehr über Veteranenvereine, Wasser- und Bodenverband bis zu den Burschenvereinen und sichern sich so ihren Einflussbereich, zum Wohle der Dorfgemeinschaft und zur Sicherung der eigenen Pfründe. Ihr Wort hat Gewicht und ist Gesetz, dies wird von den Vereinsmitgliedern kritiklos übernommen, verstärkt und nach außen getragen.

Gleichwohl, ohne dem Herdentrieb, also einer größeren Anzahl von „Mitmachern“ und Mitläufern“ würde dieses Machtkonstrukt nicht funktionieren. Konformität sticht Individualität, alleine das beruhigende Gefühl aufseiten der Mehrheit zu stehen, auch wenn man von der Lex rustici wenig, bis gar nicht profitiert, ist scheinbar Lohn genug. Dieses, rational nicht zu begründende Verhalten, lässt sich auch vielfach in den Kommunalparlamenten beobachten.

Hinzugezogene und all jene, die sich von den dörflichen Gepflogenheiten nicht ohne weiteres assimilieren lassen, werden ausgegrenzt und sehen sich Argwohn, abwertenden Blicken und gar übler Nachrede ausgesetzt.

Die geltenden Dorfgesetze bestimmen den Wertekanon, entscheiden über Dazugehören oder Verachtung. Sollte, was selten genug vorkommt, ein Mitglied aus den „eigenen Reihen“ leise Kritik anklingen lassen, wird versucht dies intern auf subtile Art und Weise zu regeln, misslingt dies und der Betroffene erweist sich als unbeugsam, ergießen sich Spott und Häme über ihn und er wird als Nestbeschmutzer diffamiert.

Auch offensichtliche Verstöße gegen Gesetze und geltendes Recht durch die Dorfmehrheit bleiben in der Regel ungeahndet. Die Möglichkeiten zur Vertuschung und gewisses Fehlverhalten unter den Teppich zu kehren, sind mannigfaltig und geübt. Dass hier mit einem überbordenden Selbstbewusstsein aufgetreten wird, kommt nicht von Ungefähr, die, entsprechend den Mehrheitsverhältnissen besetzten Kommunalparlamente und Bürgermeister, spielen so manches üble Spiel mit, würden sie es doch niemals wagen, gegen den dörflichen Konsens und dessen Meinungsführer, meist aus dem landwirtschaftlichen Milieu und somit Herr über Grund und Boden, die Hand zu heben.  

Und so bleibt alles so, wie es immer war, „mia san schließlich mia“    

Von Leitwölfen und Rudeln

Ein Aufschrei, besser gesagt ein vielstimmiges Geheule ist seit einigen Wochen in
einigen oberbayrischen Alpenlandkreisen deutlich vernehmbar. Ausgelöst durch
den unvermittelten Aufschrei des Werdenfelser „Leitwolfs“ Anton Speer, stimmten
etliche ähnlich sozialisierte Individuen der gleichen Art in das Geheul mit ein
und beschallen hierdurch -mit medialer Verstärkung- landkreisübergreifend die
Talregionen. Etwas weniger verklausuliert und für alle alpenfern beheimateten
Leser gesprochen, der Wolf geht um und bedroht den Fortbestand unserer
Kulturlandschaft, wenn gar nicht noch mehr! Bei Betrachtung dieser Ereignisse
drängt sich die Analogie zwischen Mensch und Tier, insbesondere sozial hoch
entwickelten, wie dem Wolf, hier geradezu auf.  
Der Zeitpunkt dieses Apells an alle politisch übergeordneten Instanzen war wohl
gewählt, einerseits steht die Weide- und Almsaison unmittelbar bevor und
zweitens, fast noch wesentlicher, wir befinden uns im Wahlkampf. Dass bei
Zweiterem viele Mittel recht sind und die Wortwahl zeitweise abseitig ausfällt,
mag als Binse durchgehen, dass jedoch derart dreist ins Lexikon des Populismus
gegriffen wird und Kommunalparlamente sich aufschwingen über EU-Recht zu
verhandeln, hat eine besondere Qualität.

Es ist schon nachvollziehbar dass Politiker der in Bayern regierenden schwarz-orangen
(Spezi-)Koalition wetteifern, sich der zahlenmäßig überschaubaren und dennoch
einflussstarken Gruppe der Landwirte anzubiedern. Dass im Garmischer Kreistag
alle Fraktionen im gleichen (Un-)Sinne mitstimmten, verspricht einen spannenden
Wettkampf um die Stimmen des Furchenadels. Die einhellige Zustimmung der GRÜNEN
nimmt weniger Wunder, haben diese doch seit einiger Zeit eine ausgeprägte
Affinität zu Waffen und entledigen sich landauf landab ihres urgrünen
Wurzelwerks durch allgemeinerträgliches Abstimmungsverhalten, möglichst
niemandem weh tun, um in allen Teichen nach Stimmen zu fischen, auch in trüben
Gewässern.
Das Großteils immer noch vorhandene Urvertrauen in demokratische Strukturen ist
darin begründet, dass Mandatsträger wissen, worüber sie abstimmen, was eine
gewisse fachliche thematische Aneignung voraussetzt. Beim Thema Wolf scheint
diese Selbstverständlichkeit völlig ins Abseits geraten zu sein oder das Gros
der Parlamentarier wurde von einer interimsweisen Leseschwäche heimgesucht.
Nahezu infam die Forderung, die Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfes,
naturschutzfachlich zu begründen. Die Behauptung der Entwurfsverfasser, durch
die Wiederkehr des Wolfes sei die Artenvielfalt bedroht, gleicht einem
Physiker, der nur den ersten Hauptsatz der Thermodynamik artikuliert und die
übrigen ignoriert.
Angesichts dieses Dilemmas wünschte man sich, die in ihrer Besorgnis und
Verantwortung für die Weidehalter so bewegten Kommunalpolitiker hätten dem
leider zu früh verstorbenen Wolfsexperten Ulrich Wotschikowsky zugehört, viel
Erhellendes und großer Erkenntnisgewinn über das Wesen von Canis lupus wäre am
Ende herausgekommen. Es gibt nach wie vor viel Fachexpertise und einen
fundierten Erfahrungsschatz zum Thema Wolfsmanagement, man muss nur für eine
Reflexion bereit sein. Vor allem die Schwarz-Weiß-, Gut-Böse-Kategorisierung zu
verlassen. Aber dies ist vermutlich auch gar nicht gewollt.

Die heulend verkündete Botschaft ist klar und unüberhörbar, der Wolf passt nicht in unsere
Kulturlandschaft. Wider besseres Wissen wird gerne mit den menschlichen
Urängsten gespielt und auf Wolfssichtungen in Wohngebieten, und aktuell ganz
beliebt, in Waldkindergärten hingewiesen. Welche Eltern würden angesichts
dieser Bedrohungslage wohl keinen sofortigen Abschuss fordern?

Daseigentliche Ziel hingegen, der Schutz von Weidetieren, wird der Büchse
überlassen.

Dieser Text könnte mit zahlreichen Hinweisen zu einschlägiger Fachliteratur zum
Wolfsmanagement und zum Herdenschutz vervollständigt werden. Doch es wäre
schlichtweg vertane Liebesmüh, der kommunalpolitische Apell zeigt
Entschlossenheit und Tatkraft, er wurde gehört und medial weit über die
potentiellen Wolfshabitate verbreitet und dies zum alleinigen Zwecke der
jeweils eigenen politischen Bedeutsamkeit im Kampf um das Stimmvieh.
     

Nix für
Unguad!

Von Spaziergängern und Puppenspielern

Im geografisch fernen Indien agitiert ein radikalhinduistischer Mob aggressiv und gewalttätig gegen Muslime. Die größte religiöse Minderheit wird für die Entstehung und Ausbreitung des Coronavirus verantwortlich gemacht, in Hindu-Kreisen wird mittlerweile vom „Corona-Dschihad“ gesprochen. Radikalisierung, Verschwörungsmythos, Gewaltexzesse, unter einer „normalen“ Ausgangslage sämtlich Zustandsbeschreibungen gesellschaftlich wenig gebildeter Unterschichten, meist vorzufinden in Entwicklungsländern.
Währenddessen verabredet sich im wohlstandsverwöhnten Deutschland eine Minderheit zu abendlichen Spaziergängen, um ihren Unmut gegen die Zumutungen einer Pandemie Luft zu machen. Wohlweislich wird vermieden, die Aufmärsche als das zu betiteln was sie sind, Demonstrationen. Diese müssten jedoch angemeldet und genehmigt werden, außerdem soll durch den Begriff des Spaziergangs das durchwegs friedliche und arglose Bild bürgerlicher Lustwandler, einer Lichterprozession nicht unähnlich, suggeriert werden.
Betrachtet man dieses Sammelsurium von Mitmarschierern aus den unterschiedlichsten Milieus eingehender und lauscht ihren skandierten Schlagworten, beschleicht einem eine Art Selbstzweifel.
Hat man selbst einen grundsätzlichen gesellschaftspolitischen Wandel in der Herrschaftsform verpasst oder sind diese Spaziergänger per Zeitreise soeben in der Jetztzeit angelangt und haben Probleme sich hier zurechtzufinden?
Oder mit der gebotenen realistischen Analyse: zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Voraussetzungen sind sie abgebogen und haben sie den Pfad der analytischen Betrachtung und Auswertung verlassen?
Der soziale Status der überwiegenden Mehrheit der Spaziergänger lässt jedoch Schlüsse auf die Beweggründe zu.
Hier verabreden und treffen sich zum großen Teil die unzufriedenen Saturierten, deren Impetus die Ablehnung jeglicher auferlegter Verordnung und Bevormundung darstellt. Eine Melange aus Wohlstandstrotz, Nabelschau und esoterischer Grundkonzeption, vereint im selbstgewebten Feindbild einer verhassten modernen Dreifaltigkeit, bestehend aus Politik, Wissenschaft und Journalismus. Erschreckend vor allem die Willkür und Rücksichtslosigkeit in den Ausdrucksformen sowie die Radikalität in psychischer und physischer Hinsicht.
Selbst die Bereitschaft, Kinder als Schutzschilde zu instrumentalisieren, erscheint legitim. Tabubrüche gehören zur argumentativen Grundausstattung und zum Programm.
Spätestens hier sollte für die zweifelsohne unter ernsthaften Motiven und Sorgen Mitmarschierenden, die rote Linie überschritten sein und sich die Restfragmente objektiven Beurteilungsvermögens zu Wort melden und der Verstand einschalten. Werden bei den Aufmärschen in lauterer Absicht die tatsächlichen Sorgen und Ängste thematisiert oder wird der Auftritt für eine politische Restauration missbraucht?
Erschreckend wie willfährig in die ausgelegten Leimruten nationalistischer Demagogen und Organisationen getappt wird.
Die viralen Aktivitäten, quasi als Vorglühen in den sozialen Medien, wirkt als Dünger auf das Substrat aus Unzufriedenheit und persönlicher Einschränkung. Mittels Beiträgen zweifelhafter Experten, rechtskonservativer Journalisten und rassistischen Thesen der rechts-nationalen Politelite – von Maaßen bis Kickl – wird gehetzt und mobilisiert.
Zumeist verborgen für den Großteil der Öffentlichkeit, wird über einschlägige Messengerdienste wie Telegram kooperiert, doch selbst die Kommentare und Verlautbarungen in populären Diensten, wie facebook, lassen den unvoreingenommenen Betrachter ratlos zurück.

Gerne wird, gerade von Coronaleugnern, das Bild von der Spaltung der Gesellschaft entworfen, dies ist, bei aller Ernsthaftigkeit des Problems eine doch recht kühne These, angesichts der gegebenen Verhältnisse lässt sich eine lediglich die Abspaltung einer Minderheit von einer problembewussten Mehrheit feststellen. Doch kann es sich eine Gesellschaft nicht leisten diese Minorität abzuschreiben und den Rattenfängern mit ihren kruden Verschwörungsphantasien und faschistischem Gedankengut zu überlassen. Politik und Gesellschaft müssen Hand in Hand mit Wissenschaft und mit offensiv geführtem Diskurs ein Klima des Miteinander schaffen. Gerade in Krisenzeiten darf es hier kein parteipolitisches Taktieren und Korruption auf dem Rücken der Gesellschaft geben, dafür steht zu viel auf dem Spiel.
Die aktuelle Bewältigung der aktuellen Pandemie muss auch als Bewährungsprobe für die weitaus umfassendere Problemstellung der Erderhitzung angesehen werden.

Kehraus 2020

Wohl Wenige werden diesem Jahr eine Träne nachweinen und die sonst übliche sylvestrale Wehmütigkeit beim Blick zurück, wird dieses Mal weitestgehend ausbleiben. Beim Innehalten werden wir auch sicher nicht vom Oohh und Aahh beim Anblick pyrotechnischer Himmelsbilder abgelenkt werden. Aber! Luna, unser Erdtrabant erstrahlt in dieser Nacht nochmal in voller Pracht und dies ist vielleicht die stillere und dennoch anmutigere Alternative zum sonst üblichen Himmelsgetöse.

2021 wird nun von uns allen herbeigesehnt und mit viel Hoffnung überfrachtet, auf das sich nun doch alles oder zumindest Besseren wendet. Doch von ganz allein wird sich das nicht erledigen. Das vermaledeite Virus hat uns in bisher ungeahnter Weise herausgefordert und der Umgang mit ihm jedem ziemlich viel abverlangt. Der ständige Krisenmodus hat aber auch viel von uns und unserem Umgang mit Extremsituationen offenbart. Queres Denken und kritische Distanz zu Verordnungen, im ursprünglichen Sinne positive Grundhaltungen, wurden von einer Minderheit gekapert und bis zur Absurdität dekonstruiert. Aber auch durchaus berechtigte und unverzichtbare Kritik an Maßnahmen erhielten unsägliche Zertifizierungen, sobald man selbst in besonderer Weise davon betroffen war. Ohne Zweifel, die Verbote der Berufsausübung brachten viele Existenzen in existenzielle Nöte, doch sind staatliche verordnete Einschränkungen bei der Freizeitgestaltung gleich Ausdruck oder Mittel diktatorischer Machtausübung?
Die „sozialen“ Netzwerke fungierten schon seit jeher als Ventil und Podium verbaler Ungeheuerlickeiten, doch in welch unsäglicher Weise dies in der aktuellen Situation erfolgte, lässt nichts Gutes erahnen und zeugt von Ignoranz sowie tief sitzender Aggression.
Denkt man an weitere, schon jetzt bestehende Zumutungen, zuvorderst die Krisen um die Erderhitzung und das dramatische Artensterben, deren globale Auswirkungen für uns nicht in gleichem Maße visualisierbar sind, wie die Bilder aus Intensivstationen oder von Bestattungszentren mit Corona-Opfern, wie sollen wir dann diese Herausforderungen bewältigen?

Nun denn, es bleibt die Hoffnung, dass wir alle an den Herausforderungen wachsen, was schon Hölderlin so trefflich formulierte: “ Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Rutsch und nur das Beste für 2021!

Alpin kommod*

*Adj. [kàmodd / komo:d] bairisch für angenehmn, bequem

Es kann wohl als bestimmenden und artspezifischen Impetus der Gattung Mensch angesehen werden, sich der Mühsal der körperlichen Anstregung zu entledigen. Generationen von ingeniösen Tüftlern erdachten Techniken und allerlei Gerätschaften, welche zeit- und kraftraubende Prozesse des menschlichen Tuns erleichtern oder gar obsolet machen sollen. Dies lässt sich einerseits als wesentlichen Teil des Fortschritts subsumieren, kritische Geister hingegen befürchten die unkontrollierte Entwicklung beraube den Menschen seiner motorischen Fertigkeiten und führe zu ungewollten Abhängigkeiten.
Wie auch immer man dies bewerten möge, die allermeisten von uns nehmen die allfälligen Erleichterungen gern in Anspruch. Fraglos, dass dies sichtbare Auswirkungen auf unser Lebensumfeld, vom Privatbereich bis hin zur Arbeitswelt und nicht zuletzt, den uns innewohnenden Bewegungsdrang zeitigte.
Gerade mit dem Fortschreiten der Industrialisierung entwickelte sich -besonders ausgeprägt bei der Stadtbevölkerung- ein gesellschaftlicher Aufbruch, dem auf größte Fuktionalität und Effizienz ausgerichteten Ambiente zu entfliehen und sich selbst zu spüren. Dergestalt in ihren Bedürfnissen dezimiert, aufgrund einer Monotonie im Arbeitsleben und des sich rasch verändernden Lebensumfelds, entwickelte sich eine Sehnsucht nach Ausgleich, nach einem Gegentwurf zum Alltag. Dies markiert den Beginn einer in zahlreichen Facetten ausgeprägten Naturbewegung. Fortan zog es Stadtmenschen in die „Sommerfrische“, aufs zu jener Zeit noch recht beschauliche Land und die weitestgehend ursprünglichen Dörfer.
Die kühneren Zeitgenossen unter ihnen, zog es – animiert durch die Berichte der frühen Erforscher alpiner Landschaften, wie Horace-Benedict-de-Saussure oder Friedrich Simony – ins Gebirg. Dabei war schon die Annäherung an die sich ändernde Topographie Bestandteil der Unternehmung und keineswegs nur Mittel zum Zweck. Zugegeben, die Landschaften waren, wie oben erwähnt, reizvoller und um vieles ansehnlicher. Aber auch die oft mühevollen Anstiege von den Talorten, empor in die Höhen, wurden staunend und bereitwillig genossen. Die bedächtige, schrittweise und respektvolle Annäherung ermöglichte auch die unabdigbare Akklimatisation.

Dass dieses Vorgehen einer romantischen Verklärung unterliegt, zudem den Lebensrhythmus des Homo ökonomicus überfordern würde und nur von wenigen privelligierten Zeitgenossen praktiziert werden kann, ist unbestritten. Doch von Schaden wäre es nicht, führte man sich diese früher geübte Herangehensweise ab und zu vor Augen.
Unbestritten, die meisten von uns bevorzugen einen möglichst schnellen Transfer in die Bergwelt. Die Überwindung der häufig eintönig empfundenen montanen Stufe soll doch bitteschön relativ zügig vonstatten gehen. Mit dem Auto in die Berge, mit der Bahn fluchs hinauf, ab hier warten dann die echten alpinen Erlebnisse. So diente und dient die Erschließung alpiner Regionen durch Bergbahnen und Straßen dann auch in erster Linie nicht der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Alpenbewohner, insbesondere der hier wirtschaftenden Gruppen, vielmehr gehorcht sie einem touristischen Gesamtkonzept. Und mit den Bergbahnen etablierten sich auch Berggasthäuser samt Hotelerie, der komfortable Gegenentwurf zum ursprünglichen Konzept der Alpenvereinshütten. Schließlich verlangt der durch Höhenluft und schweißtreibende Anstrengung ausgelaugte Alpinist abends mindestens nach einer heißen Dusche -Sauna wäre auch nicht zu verachten- und einer üppigen Menüauswahl, man hat es sich ja redlich verdient. Dass die Alpenvereine bei ihren Hütten (insbes. jener der Kat. II und III) nachrüsten und sich dem Wachstumsdogma beugen, mag dem Zeitgeist entsprechen, dem ursprünglichen Grundsatz, einfacher und aufgrund der Zivilisationferne schwer zu bewerkstelligender Versorgung, widerspricht dieser Weg. Das Verhängnis dieser Entwicklung offenbart sich beim Blick in touristisch überprägte Regionen, ehedem als alpine Unterkünfte geschaffene Häuser mutierten zu Anstalten zwecks Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse samt In- und Outdoor Kletterwand, Spielplatz und Streichelzoo, wie sonst könnte man sich in dieser Ödnis die Zeit vertreiben? Die Blaupause hierfür liefern die Bergstationen und Hütten der Skigebiete, wo der Skisport mit seinen Herausforderungen zur Nebensache verkommt und durch Genuss(?) von reichlich Alkoholika und der typischen, an Körperveletzung grenzenden musikalischen Beschallung, die Gäste delirierend enthemmt, kräftig zur Wirtschaftsleistung inneralpiner Regionen beitragen.

Natürlich gibt es noch die Möglichkeit, sich alpinen Regionen nicht ausschließlich zu Fuß, aber dennoch mit Muskelkraft zu nähern, schon vor Jahrzehnten, noch bevor die MTB-Welle aus den USA in die Alpen herüberschwappte, nutzten Bergsteiger das Radl, um lange Fußmärsche, hauptsächlich den Rückweg ins Tal, zeitlich abzukürzen. Der Zweck zum Mittel entwickelte sich zur eigenen Disziplin, doch gestaltete sich die Angelegenheit als anstrengend und schweißtreibend, die zu überwindende Vertikale lässt sich auch trotz kleinster Untersetzungen und einer Vielzahl von Gängen nicht überlisten. Hierfür bedurfte es schon der Mutation der Elektroräder, welchen bei ihrer Markteinführung der Odeur von Saniätsfachhäusern oder Seniorenfuhrparks anhaftete, die jedoch durch geschicktes Marketing zum Lifestyle-Produkt avancierten. Was Revolutionären und Politikern nur selten gelingen mag, dieses Ding bewegt Massen, manchmal in Bezug auf das schiere Körpergewicht des Fahrers, tatsächlich aber hinsichtlich der Anzahl der Nutzer. Pedaleure, konventionell durch reine Muskelkraft betriebener Bergradl befinden sich mittlerweile in der Minderheit und in vergleichbarer Lage, wie weiland Kutschenfahrer angesichts der sich breitmachenden Automobile. Den Unterschied bildet nicht nur die Zeit, es ist die Umgebung, der alpine Raum, wo bis vor Kurzem alleine die Physis des Fahrers übers Hinaufkommen oder Druntenbleiben entschied. Ein kleiner Passus im Naturschutzgesetz, welcher als Rechtsauffasung deklariert, E-Pedelecs konventionellen Berg-Fahrrädern gleichstellt, legitimiert den Motorsport im Gebirg. Dabei ist nicht der einzelne E-Biker das Problem, der sich die Auffahrt auf Forstwegen erleichtert. Die ständig wachsende Zahl an Nutzern, die motorunterstützt bisher unerreichbare Ziele in entlegendsten Naturräumen erreichen und aufgrund des kraftvollen Vortriebs ein Vielmehr an Einzelfahrten absolvieren, führen zu einer Überbeanspruchung des alpinen Raumes. Der Weg ist nicht mehr das Ziel, vielmehr soll dieser nur möglichst schnell überwunden werden, um möglichst entspannt und transpirationsvermeidend das Traumziel, egal ob Genussalm oder instagramtauglichen Spot zu erreichen.
Nach wie vor implizieren Bilder oder Berichte von Gipfelerlebnissen beim Betrachter die Beschwernisse des Aufstiegs, das Überwinden der Grenze der Schwerkraft und zollen dem Akteur eine gewisse Bewunderung, im neu angewandten alpinen „Storytelling“ bedient man sich dieser vermeintlichen Evidenz, verschweigt aber geflissentlich die Aufstiegshilfe, beim E-MTB gewissermaßen den mobilen Lift.

Der eigentliche Zweck, sich alpinen Erlebnissen hinzugeben scheint nur noch als gedankliches Relikt zu existieren, das Erleben abgeschiedener, nicht kulturell überprägter Räume, die Herausforderung eigene körperliche Grenzen zu erfahren und vielleicht in Resonanz* mit sich selbst zu kommen.
In vielen Regionen bieten die Alpen immer noch all das, was ihren Zauber ausmacht, Abgeschiedenheit, Erhabenheit und Rückzugsorte für all jene, die sich all dem hingeben möchten. Die Reduzierung der Bergwelten auf eine Eventarena, quasi als Überdruckventil stressgeplagter, auf Selbstoptimierung fixierter Leistungsträger, mag zwar der Idealvorstellung vieler Touristiker entsprechen und fungiert die alpine Landschaft als bloße Kulisse für den Sport oder die eigene Selbsdarstellung, wird das ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit nicht gerecht. Unterwirft man den alpinen Raum rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten, verkommt er zur Beliebigkeit, vergleichbar mit den Gewerbesiedlungen in den Tallagen.
Die Alpen verfügen in weiten Teilen noch über ein hohes Maß an Biodiversität und stellen Rückzugsort und Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten dar. Dieser Raum hält viele Überraschungsmomente bereit und bietet Möglichkeiten der Entfaltung für Besucher mit unterschiedlichsten Ansprüchen. Unerfüllt bleiben muss der Wunsch nach intensiver alpiner Erfahrung, bei gleichzeitiger, wie selbstverständlich eingeforderter Komfortabilität.

*Hartmut Rosa „Der Ruf der Berge“ https://www.alpenverein.de/der-dav/ueber-uns/bergpodcast



Firn out

Mitte April, ein stabiles Hoch beschert uns angenehm milde Temperaturen und seit Wochen keinen nennenswerten Niederschlag. In der Natur (und nicht nur da) läuft alles auf das bevorstehende Paarungsgeschehen hinaus. Die Voralpengipfel befreien sich langsam von den letzten weißen Zeugen des vergangenen, eher laschen, Winters. Frühling eben, aber was für einer! Hochzeit der Flaneure, Rennradlfahrer, Skibergsteiger und Eisdielenbesitzer.
Mitte April 2020, beste Voraussetzungen für die Verlockungen des Lenz, jedoch nur im Konjunktiv. Die Corona-Krise mit der amtlicherseits verordneten Ausgangsbeschränkung hat sich wie ein Plumeau über den jahreszeitlich schier unbändigen Drang nach Draußenerlebnissen gelegt. Dergestalt eingeschränkt in seinen Möglichkeiten, treibt es den bergaffinen Zeitgenossen besonders um. Alpine Unternehmungen sind auf unbestimmte Zeit zu unterlassen, aus Eigenschutz und aus Rücksichtnahme auf die alpinen Rettungskräfte. Und da hockt er nun, seinen vertikalen Impetus nur mühsam unterdrückend und surft durch die einschlägigen alpinen Foren. Nicht ohne dass vorher die Ski präpariert, der Skikeller aufgeräumt, die komplette Bergsportausrüstung, einer ausgefeilten Logistik unterworfen, nach Einsatzzweck geordnet und alle Bergmagazine gelesen sowie im jeweiligen Jahresschuber verstaut wurden.
Er traut sich dann doch eine kleine Bergwanderung im voralpinen Bereich zu unternehmen und genießt schließlich bei der Gipfelrast seine Brotzeit mit der obligatorischen Gipfelhalbe. Dabei schweift sein Blick über Karwendel, Wetterstein die dahinterliegenden Stubaier, quasi ins gelobte Land. Welche Aussicht, welche Versprechungen!
Gefesselt vom Gedanken an die selbstverständlich formidablen Verhältnisse im Kühtai lassen ihn ins Philosophische abgleiten: Warum machen die akkrat jetzt so einen pfundigen Firn, wenn ihn keiner nutzen kann?
Derart in seinen kreisenden Gedanken gefangen, findet er eine Antwort in der Poesie. Der Lyriker Angelus Silesius hat im 17. Jh. ein Gedicht über die Rose geschrieben, das Konstantin Wecker zum Lied „Ohne Warum“ inspirierte:
„Ist es nicht so, dass die Rose erblüht, dass sie nicht fragt danach, ob man sie sieht…“
Die Analogie ist bestechend, wobei Silesius` und später Weckers Erkenntnis einem  Staunen und Bewundern gleichen, der Stimmungszustand des Skibersteigers jedoch eher einem verzweifelten Hadern.

 

 

 

 

Corona I

So aufwühlend und alle medialen Kanäle beherrschend die derzeitige „Corona-Krise“ auch ist, so wohltuend beruhigend gestaltet sich das Leben in der zwangsverodneten Entschleunigung für einen Großteil der Menschen, zumindest in den wohlhabenden Nationen. Gerade der befohlene Rückzug ins Private, ins häusliche Refugium, verhilft uns zu einer lange nicht gekannten, produktiven „Klausur“.  Bisher ständig aufgeschobene, weil zeitraubende Erledigungen im privaten Umfeld, die vielen, weil besondere Aufmerksamkeit und Ruhe beanspruchenden Bücher und all die angenehmen aber Kontemplation fordernden Übungen, können nun in Angriff genommen werden. Es ist müßig zu hinterfragen und würde zudem diesen Rahmen sprengen, ginge man der Frage nach, weshalb es einer amtlichen Verfügung bedarf , um zu innerer Ruhe zu finden. Gänzlich anders ergeht es den Beschäftigten in medizinischen Berufen, in der Pflege oder anderen stark beanspruchten Branchen, z.B. Einzelhandel. Diese, auch außerhalb von Pandemiezeiten schlecht bezahlten und ständig an der Belastungsgrenzene tätigen Berufsgruppen, müssen in dieser Situation schier Unvorstellbares leisten.

Auf der einen Seite ein Übermaß an anfallender Arbeit, in anderen Bereichen ein dramatischer Rückgang an Beschäftigung. Arbeiter und Angestellte, die um den Fortbestand ihres Arbeitsverhältnisses bangen müssen oder deren wirtschaftliches Gefüge durch erhebliche finanzielle Einbußen stark ins Wanken gerät. Selbstständige und Mittelständler, deren Aufträge wegbrechen und die Gefahr laufen, insolvent zu werden.
Abgesehen von der wirtschaftlichen Erruption, schafft diese Krise enorme Verheerungen im menschlich-sozialen Bereich. Pflegebedürftige, Alte und Kranke, insbesondere in Heimen, ohne jegliche Kontakte zu ihren nächsten Verwandten. Sterbende die, auf sich selbst zurückgeworfen, ihre letzten Stunden alleine, ohne den Beistand ihrer Angehörigen verbringen müssen. Gewiss, die amtlich verfügten Einschränkungen sind medizinisch evident und werden hingenommen, doch insbesondere in diesem Bereich muss nach der Verhältnismäßigkeit gefragt werden. Das Anrecht auf ein würdevolles Leben und auch Sterben darf nicht durch den Schutz vor möglicher Ansteckung außer Kraft gesetzt werden.
Angesichts dieser tatsächlichen Notlagen mutet es mehr als merkwürdig an, wenn nun angesichts der Einschränkungen im normalen Leben, der Verlust der Freiheitsrechte beklagt und die Verfassungmäßigkeit der Maßnahmen hinterfragt wird. Dieses plötzliche Aufbegehren geschieht zur Unzeit und hat größtenteils nur den eigenen, derzeit eingeschränkten Bewegungsspielraum im Blick. In jüngster Vergangenenheit, in Vorcorona-Zeiten, hätte es unzählige Möglichkeiten gegeben, für die Einhaltung der Freiheitsrechte die Stimme zu erheben, egal ob gegen die Änderung des Polizeiaufgabengesetzes oder die Rechtmäßigkeit des Vorgehens des Finanzministers gegen Umweltorganisationen wie Attac oder Campact usw.. Merke, der glaubwürdige und erfolgreiche Einsatz für den Schutz des Bürgers vor dem Zugriff der Staatsmacht oder gegen Konzerninteressen verlangt ein gerüttelt Maß an Solidarität und politischen Interesses, gerade in bequemeren Zeiten als der jetzigen.

All die Maßnahmen, die derzeit das normale Leben außer Kraft setzen, dienen ja letztlich einer kontrollierten und möglichst langsamen Ausbreitung der Infektion, um unser Gesundheitssystem, konkret die Notfallbetten in den Krankenhäusern, nicht zu überlasten. Blickte man, finanziell gut ausgestattet und eine stabile Gesundheit vorausgesetzt, mitleidig bis verächtlich auf die Gesundheitssysteme von Italien, Griechenland und Spanien usw., muss man nun erkennen, dass es um die Verhältnisse im eigenen Land nicht zum Besten bestellt ist. Seit Mitte der 1980er Jahre, durch entsprechende Gesetze, Kliniken erlaubt wurde gewinnbringend zu wirtschaften, dienen Krankenhäuser nicht mehr dem Gemeinwohl, sondern einzig und allein Proftinteressen. Ob Geburtsstationen oder das Vorhalten von Intensivbetten, unrentabel, weil teuer und nicht gewinnbringend, fielen sie einer rein auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Geschäftspolitik der Klinikverwaltungen zum Opfer. Dem Wohl des Investors oder der Anleger wird der Anspruch des Patienten auf Heilung untergeordnet und die gesundheitliche Daseinsvorsorge quasi abgeschafft.
Auch dies ein Ergebnis politischen Desinteresses und mangelnder Solidarität und nicht zur rechten Zeit die Stimme erhoben zu haben.

„Jetzt haben wir den Dreck im Schachterl.“

 

Mythos Christbaum

Waren in den vergangenen Wochen, während des übellaunigen und von der Dunkelheit dominierten Herbstes, unsere Städte und Siedlungen eher trist anzusehen, erfüllt seit spätestens Mitte November zunehmend Lichterglanz die Gassen. Das Wettrennen um den höchsten und am ebenmäßigsten gewachsenen Nadelbaum, insbesondere vor Kirchen, öffentlichen Gebäuden und in Einkaufsstraßen, hat eingesetzt. Wohl kein anderes Objekt symbolisiert das Weihnachtsfest dergestalt, ist aber auch von unzähligen Erwartungen überfrachtet wie der Weihnachtsbaum, bayerisch „Krischbaam“. Ist ja irgendwie auch nicht verwunderlich. So ein Trumm von einem illuminierten Baum macht schließlich deutlich mehr her, als das kulturhistorisch wesentlich ältere Kripperl.
Weiterlesen „Mythos Christbaum“

von Rattenfängern und Nebelkerzen

Wer angesichts der aufgeheizten Stimmung und den vielen unsäglichen sexistischen Hasskommentaren zum Auftritt Greta Thunbergs beim Weltklimagipfel dies als Randerscheinung der Klimaerhitzung bewertet, überschätzt die Auswirkungen von steigenden Temperaturen auf einfach gestrickte Gemüter oder etwas drastischer ausgedrückt, ein Vakuum lässt sich nicht erwärmen.
Zugegeben diese einleitenden Worte sind wenig geeignet die Debatte zu versachlichen, doch was derzeit auf den verschiedenen Plattformen verbreitet wird, sprengt alle Regeln menschlichen Zusammenlebens.
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