Von Leitwölfen und Rudeln

Ein Aufschrei, besser gesagt ein vielstimmiges Geheule ist seit einigen Wochen in
einigen oberbayrischen Alpenlandkreisen deutlich vernehmbar. Ausgelöst durch
den unvermittelten Aufschrei des Werdenfelser „Leitwolfs“ Anton Speer, stimmten
etliche ähnlich sozialisierte Individuen der gleichen Art in das Geheul mit ein
und beschallen hierdurch -mit medialer Verstärkung- landkreisübergreifend die
Talregionen. Etwas weniger verklausuliert und für alle alpenfern beheimateten
Leser gesprochen, der Wolf geht um und bedroht den Fortbestand unserer
Kulturlandschaft, wenn gar nicht noch mehr! Bei Betrachtung dieser Ereignisse
drängt sich die Analogie zwischen Mensch und Tier, insbesondere sozial hoch
entwickelten, wie dem Wolf, hier geradezu auf.  
Der Zeitpunkt dieses Apells an alle politisch übergeordneten Instanzen war wohl
gewählt, einerseits steht die Weide- und Almsaison unmittelbar bevor und
zweitens, fast noch wesentlicher, wir befinden uns im Wahlkampf. Dass bei
Zweiterem viele Mittel recht sind und die Wortwahl zeitweise abseitig ausfällt,
mag als Binse durchgehen, dass jedoch derart dreist ins Lexikon des Populismus
gegriffen wird und Kommunalparlamente sich aufschwingen über EU-Recht zu
verhandeln, hat eine besondere Qualität.

Es ist schon nachvollziehbar dass Politiker der in Bayern regierenden schwarz-orangen
(Spezi-)Koalition wetteifern, sich der zahlenmäßig überschaubaren und dennoch
einflussstarken Gruppe der Landwirte anzubiedern. Dass im Garmischer Kreistag
alle Fraktionen im gleichen (Un-)Sinne mitstimmten, verspricht einen spannenden
Wettkampf um die Stimmen des Furchenadels. Die einhellige Zustimmung der GRÜNEN
nimmt weniger Wunder, haben diese doch seit einiger Zeit eine ausgeprägte
Affinität zu Waffen und entledigen sich landauf landab ihres urgrünen
Wurzelwerks durch allgemeinerträgliches Abstimmungsverhalten, möglichst
niemandem weh tun, um in allen Teichen nach Stimmen zu fischen, auch in trüben
Gewässern.
Das Großteils immer noch vorhandene Urvertrauen in demokratische Strukturen ist
darin begründet, dass Mandatsträger wissen, worüber sie abstimmen, was eine
gewisse fachliche thematische Aneignung voraussetzt. Beim Thema Wolf scheint
diese Selbstverständlichkeit völlig ins Abseits geraten zu sein oder das Gros
der Parlamentarier wurde von einer interimsweisen Leseschwäche heimgesucht.
Nahezu infam die Forderung, die Herabsetzung des Schutzstatus des Wolfes,
naturschutzfachlich zu begründen. Die Behauptung der Entwurfsverfasser, durch
die Wiederkehr des Wolfes sei die Artenvielfalt bedroht, gleicht einem
Physiker, der nur den ersten Hauptsatz der Thermodynamik artikuliert und die
übrigen ignoriert.
Angesichts dieses Dilemmas wünschte man sich, die in ihrer Besorgnis und
Verantwortung für die Weidehalter so bewegten Kommunalpolitiker hätten dem
leider zu früh verstorbenen Wolfsexperten Ulrich Wotschikowsky zugehört, viel
Erhellendes und großer Erkenntnisgewinn über das Wesen von Canis lupus wäre am
Ende herausgekommen. Es gibt nach wie vor viel Fachexpertise und einen
fundierten Erfahrungsschatz zum Thema Wolfsmanagement, man muss nur für eine
Reflexion bereit sein. Vor allem die Schwarz-Weiß-, Gut-Böse-Kategorisierung zu
verlassen. Aber dies ist vermutlich auch gar nicht gewollt.

Die heulend verkündete Botschaft ist klar und unüberhörbar, der Wolf passt nicht in unsere
Kulturlandschaft. Wider besseres Wissen wird gerne mit den menschlichen
Urängsten gespielt und auf Wolfssichtungen in Wohngebieten, und aktuell ganz
beliebt, in Waldkindergärten hingewiesen. Welche Eltern würden angesichts
dieser Bedrohungslage wohl keinen sofortigen Abschuss fordern?

Daseigentliche Ziel hingegen, der Schutz von Weidetieren, wird der Büchse
überlassen.

Dieser Text könnte mit zahlreichen Hinweisen zu einschlägiger Fachliteratur zum
Wolfsmanagement und zum Herdenschutz vervollständigt werden. Doch es wäre
schlichtweg vertane Liebesmüh, der kommunalpolitische Apell zeigt
Entschlossenheit und Tatkraft, er wurde gehört und medial weit über die
potentiellen Wolfshabitate verbreitet und dies zum alleinigen Zwecke der
jeweils eigenen politischen Bedeutsamkeit im Kampf um das Stimmvieh.
     

Nix für
Unguad!

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