Alpin kommod*

*Adj. [kàmodd / komo:d] bairisch für angenehmn, bequem

Es kann wohl als bestimmenden und artspezifischen Impetus der Gattung Mensch angesehen werden, sich der Mühsal der körperlichen Anstregung zu entledigen. Generationen von ingeniösen Tüftlern erdachten Techniken und allerlei Gerätschaften, welche zeit- und kraftraubende Prozesse des menschlichen Tuns erleichtern oder gar obsolet machen sollen. Dies lässt sich einerseits als wesentlichen Teil des Fortschritts subsumieren, kritische Geister hingegen befürchten die unkontrollierte Entwicklung beraube den Menschen seiner motorischen Fertigkeiten und führe zu ungewollten Abhängigkeiten.
Wie auch immer man dies bewerten möge, die allermeisten von uns nehmen die allfälligen Erleichterungen gern in Anspruch. Fraglos, dass dies sichtbare Auswirkungen auf unser Lebensumfeld, vom Privatbereich bis hin zur Arbeitswelt und nicht zuletzt, den uns innewohnenden Bewegungsdrang zeitigte.
Gerade mit dem Fortschreiten der Industrialisierung entwickelte sich -besonders ausgeprägt bei der Stadtbevölkerung- ein gesellschaftlicher Aufbruch, dem auf größte Fuktionalität und Effizienz ausgerichteten Ambiente zu entfliehen und sich selbst zu spüren. Dergestalt in ihren Bedürfnissen dezimiert, aufgrund einer Monotonie im Arbeitsleben und des sich rasch verändernden Lebensumfelds, entwickelte sich eine Sehnsucht nach Ausgleich, nach einem Gegentwurf zum Alltag. Dies markiert den Beginn einer in zahlreichen Facetten ausgeprägten Naturbewegung. Fortan zog es Stadtmenschen in die „Sommerfrische“, aufs zu jener Zeit noch recht beschauliche Land und die weitestgehend ursprünglichen Dörfer.
Die kühneren Zeitgenossen unter ihnen, zog es – animiert durch die Berichte der frühen Erforscher alpiner Landschaften, wie Horace-Benedict-de-Saussure oder Friedrich Simony – ins Gebirg. Dabei war schon die Annäherung an die sich ändernde Topographie Bestandteil der Unternehmung und keineswegs nur Mittel zum Zweck. Zugegeben, die Landschaften waren, wie oben erwähnt, reizvoller und um vieles ansehnlicher. Aber auch die oft mühevollen Anstiege von den Talorten, empor in die Höhen, wurden staunend und bereitwillig genossen. Die bedächtige, schrittweise und respektvolle Annäherung ermöglichte auch die unabdigbare Akklimatisation.

Dass dieses Vorgehen einer romantischen Verklärung unterliegt, zudem den Lebensrhythmus des Homo ökonomicus überfordern würde und nur von wenigen privelligierten Zeitgenossen praktiziert werden kann, ist unbestritten. Doch von Schaden wäre es nicht, führte man sich diese früher geübte Herangehensweise ab und zu vor Augen.
Unbestritten, die meisten von uns bevorzugen einen möglichst schnellen Transfer in die Bergwelt. Die Überwindung der häufig eintönig empfundenen montanen Stufe soll doch bitteschön relativ zügig vonstatten gehen. Mit dem Auto in die Berge, mit der Bahn fluchs hinauf, ab hier warten dann die echten alpinen Erlebnisse. So diente und dient die Erschließung alpiner Regionen durch Bergbahnen und Straßen dann auch in erster Linie nicht der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Alpenbewohner, insbesondere der hier wirtschaftenden Gruppen, vielmehr gehorcht sie einem touristischen Gesamtkonzept. Und mit den Bergbahnen etablierten sich auch Berggasthäuser samt Hotelerie, der komfortable Gegenentwurf zum ursprünglichen Konzept der Alpenvereinshütten. Schließlich verlangt der durch Höhenluft und schweißtreibende Anstrengung ausgelaugte Alpinist abends mindestens nach einer heißen Dusche -Sauna wäre auch nicht zu verachten- und einer üppigen Menüauswahl, man hat es sich ja redlich verdient. Dass die Alpenvereine bei ihren Hütten (insbes. jener der Kat. II und III) nachrüsten und sich dem Wachstumsdogma beugen, mag dem Zeitgeist entsprechen, dem ursprünglichen Grundsatz, einfacher und aufgrund der Zivilisationferne schwer zu bewerkstelligender Versorgung, widerspricht dieser Weg. Das Verhängnis dieser Entwicklung offenbart sich beim Blick in touristisch überprägte Regionen, ehedem als alpine Unterkünfte geschaffene Häuser mutierten zu Anstalten zwecks Erfüllung sämtlicher Bedürfnisse samt In- und Outdoor Kletterwand, Spielplatz und Streichelzoo, wie sonst könnte man sich in dieser Ödnis die Zeit vertreiben? Die Blaupause hierfür liefern die Bergstationen und Hütten der Skigebiete, wo der Skisport mit seinen Herausforderungen zur Nebensache verkommt und durch Genuss(?) von reichlich Alkoholika und der typischen, an Körperveletzung grenzenden musikalischen Beschallung, die Gäste delirierend enthemmt, kräftig zur Wirtschaftsleistung inneralpiner Regionen beitragen.

Natürlich gibt es noch die Möglichkeit, sich alpinen Regionen nicht ausschließlich zu Fuß, aber dennoch mit Muskelkraft zu nähern, schon vor Jahrzehnten, noch bevor die MTB-Welle aus den USA in die Alpen herüberschwappte, nutzten Bergsteiger das Radl, um lange Fußmärsche, hauptsächlich den Rückweg ins Tal, zeitlich abzukürzen. Der Zweck zum Mittel entwickelte sich zur eigenen Disziplin, doch gestaltete sich die Angelegenheit als anstrengend und schweißtreibend, die zu überwindende Vertikale lässt sich auch trotz kleinster Untersetzungen und einer Vielzahl von Gängen nicht überlisten. Hierfür bedurfte es schon der Mutation der Elektroräder, welchen bei ihrer Markteinführung der Odeur von Saniätsfachhäusern oder Seniorenfuhrparks anhaftete, die jedoch durch geschicktes Marketing zum Lifestyle-Produkt avancierten. Was Revolutionären und Politikern nur selten gelingen mag, dieses Ding bewegt Massen, manchmal in Bezug auf das schiere Körpergewicht des Fahrers, tatsächlich aber hinsichtlich der Anzahl der Nutzer. Pedaleure, konventionell durch reine Muskelkraft betriebener Bergradl befinden sich mittlerweile in der Minderheit und in vergleichbarer Lage, wie weiland Kutschenfahrer angesichts der sich breitmachenden Automobile. Den Unterschied bildet nicht nur die Zeit, es ist die Umgebung, der alpine Raum, wo bis vor Kurzem alleine die Physis des Fahrers übers Hinaufkommen oder Druntenbleiben entschied. Ein kleiner Passus im Naturschutzgesetz, welcher als Rechtsauffasung deklariert, E-Pedelecs konventionellen Berg-Fahrrädern gleichstellt, legitimiert den Motorsport im Gebirg. Dabei ist nicht der einzelne E-Biker das Problem, der sich die Auffahrt auf Forstwegen erleichtert. Die ständig wachsende Zahl an Nutzern, die motorunterstützt bisher unerreichbare Ziele in entlegendsten Naturräumen erreichen und aufgrund des kraftvollen Vortriebs ein Vielmehr an Einzelfahrten absolvieren, führen zu einer Überbeanspruchung des alpinen Raumes. Der Weg ist nicht mehr das Ziel, vielmehr soll dieser nur möglichst schnell überwunden werden, um möglichst entspannt und transpirationsvermeidend das Traumziel, egal ob Genussalm oder instagramtauglichen Spot zu erreichen.
Nach wie vor implizieren Bilder oder Berichte von Gipfelerlebnissen beim Betrachter die Beschwernisse des Aufstiegs, das Überwinden der Grenze der Schwerkraft und zollen dem Akteur eine gewisse Bewunderung, im neu angewandten alpinen „Storytelling“ bedient man sich dieser vermeintlichen Evidenz, verschweigt aber geflissentlich die Aufstiegshilfe, beim E-MTB gewissermaßen den mobilen Lift.

Der eigentliche Zweck, sich alpinen Erlebnissen hinzugeben scheint nur noch als gedankliches Relikt zu existieren, das Erleben abgeschiedener, nicht kulturell überprägter Räume, die Herausforderung eigene körperliche Grenzen zu erfahren und vielleicht in Resonanz* mit sich selbst zu kommen.
In vielen Regionen bieten die Alpen immer noch all das, was ihren Zauber ausmacht, Abgeschiedenheit, Erhabenheit und Rückzugsorte für all jene, die sich all dem hingeben möchten. Die Reduzierung der Bergwelten auf eine Eventarena, quasi als Überdruckventil stressgeplagter, auf Selbstoptimierung fixierter Leistungsträger, mag zwar der Idealvorstellung vieler Touristiker entsprechen und fungiert die alpine Landschaft als bloße Kulisse für den Sport oder die eigene Selbsdarstellung, wird das ihrer Besonderheit und Einzigartigkeit nicht gerecht. Unterwirft man den alpinen Raum rein marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten, verkommt er zur Beliebigkeit, vergleichbar mit den Gewerbesiedlungen in den Tallagen.
Die Alpen verfügen in weiten Teilen noch über ein hohes Maß an Biodiversität und stellen Rückzugsort und Lebensraum vieler Tier- und Pflanzenarten dar. Dieser Raum hält viele Überraschungsmomente bereit und bietet Möglichkeiten der Entfaltung für Besucher mit unterschiedlichsten Ansprüchen. Unerfüllt bleiben muss der Wunsch nach intensiver alpiner Erfahrung, bei gleichzeitiger, wie selbstverständlich eingeforderter Komfortabilität.

*Hartmut Rosa „Der Ruf der Berge“ https://www.alpenverein.de/der-dav/ueber-uns/bergpodcast



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