Mitte April, ein stabiles Hoch beschert uns angenehm milde Temperaturen und seit Wochen keinen nennenswerten Niederschlag. In der Natur (und nicht nur da) läuft alles auf das bevorstehende Paarungsgeschehen hinaus. Die Voralpengipfel befreien sich langsam von den letzten weißen Zeugen des vergangenen, eher laschen, Winters. Frühling eben, aber was für einer! Hochzeit der Flaneure, Rennradlfahrer, Skibergsteiger und Eisdielenbesitzer.
Mitte April 2020, beste Voraussetzungen für die Verlockungen des Lenz, jedoch nur im Konjunktiv. Die Corona-Krise mit der amtlicherseits verordneten Ausgangsbeschränkung hat sich wie ein Plumeau über den jahreszeitlich schier unbändigen Drang nach Draußenerlebnissen gelegt. Dergestalt eingeschränkt in seinen Möglichkeiten, treibt es den bergaffinen Zeitgenossen besonders um. Alpine Unternehmungen sind auf unbestimmte Zeit zu unterlassen, aus Eigenschutz und aus Rücksichtnahme auf die alpinen Rettungskräfte. Und da hockt er nun, seinen vertikalen Impetus nur mühsam unterdrückend und surft durch die einschlägigen alpinen Foren. Nicht ohne dass vorher die Ski präpariert, der Skikeller aufgeräumt, die komplette Bergsportausrüstung, einer ausgefeilten Logistik unterworfen, nach Einsatzzweck geordnet und alle Bergmagazine gelesen sowie im jeweiligen Jahresschuber verstaut wurden.
Er traut sich dann doch eine kleine Bergwanderung im voralpinen Bereich zu unternehmen und genießt schließlich bei der Gipfelrast seine Brotzeit mit der obligatorischen Gipfelhalbe. Dabei schweift sein Blick über Karwendel, Wetterstein die dahinterliegenden Stubaier, quasi ins gelobte Land. Welche Aussicht, welche Versprechungen!
Gefesselt vom Gedanken an die selbstverständlich formidablen Verhältnisse im Kühtai lassen ihn ins Philosophische abgleiten: Warum machen die akkrat jetzt so einen pfundigen Firn, wenn ihn keiner nutzen kann?
Derart in seinen kreisenden Gedanken gefangen, findet er eine Antwort in der Poesie. Der Lyriker Angelus Silesius hat im 17. Jh. ein Gedicht über die Rose geschrieben, das Konstantin Wecker zum Lied „Ohne Warum“ inspirierte:
„Ist es nicht so, dass die Rose erblüht, dass sie nicht fragt danach, ob man sie sieht…“
Die Analogie ist bestechend, wobei Silesius` und später Weckers Erkenntnis einem Staunen und Bewundern gleichen, der Stimmungszustand des Skibersteigers jedoch eher einem verzweifelten Hadern.