von Rattenfängern und Nebelkerzen

Wer angesichts der aufgeheizten Stimmung und den vielen unsäglichen sexistischen Hasskommentaren zum Auftritt Greta Thunbergs beim Weltklimagipfel dies als Randerscheinung der Klimaerhitzung bewertet, überschätzt die Auswirkungen von steigenden Temperaturen auf einfach gestrickte Gemüter oder etwas drastischer ausgedrückt, ein Vakuum lässt sich nicht erwärmen.
Zugegeben diese einleitenden Worte sind wenig geeignet die Debatte zu versachlichen, doch was derzeit auf den verschiedenen Plattformen verbreitet wird, sprengt alle Regeln menschlichen Zusammenlebens.

Welcher Impetus liegt dieser lange Zeit unbekannten sprachlichen Verrohung zugrunde?
Selbstverständlich darf und muss man die Forderungen und Verlautbarungen von Fridays for Future auch kritisch hinterfragen, solange dies auf sachlich argumentativer Ebene stattfindet, jedoch der Shitstorm in den sozialen Netzwerken reduziert die Debatte auf Äußerlichkeiten und Nebensächlichkeiten und vor allem auf Greta Thunberg.
Ein 16-jähriges Mädchen, welches im positiven Sinne alle Attribute eines Vorbilds durch ihr konsequentes Handeln, ihre Zivilcourage und ihren Mut zu erfüllen scheint, avanciert zum Feindbild jener, denen offensichtlich der Erfolg, die Mobilisierung von Millionen von Jugendlichen und die Wirkmächtigkeit der Botschaft zunehmend ungeheuer wird, ja nachgerade panische Angst einflößt.
Aber wer sind denn jene und welches Schreckensszenario schwirrt mehr oder weniger nebulös in ihren Vorstellungswelten?
Mit einfachem Schwarz-Weiß-Denken oder gar der Identifizierung von Feindbildern kommt man dem Phänomen nicht auf die Spur, die Gemengelage innerhalb der Gesellschaft ist diffus. Offensichtlicher jedoch ist deren politische Ausrichtung und eindeutiger sind die Stichwortgeber in der Medienlandschaft und der Politik zu verorten und zu benennen. Comedians der geistigen Flachwasserzone vom Schlage eines Mario Barth oder Dieter Nuhr erzeugen durch billigste Zoten Schenkelklopfer und Einschaltquoten. Journalisten wie Jan Fleischhauer oder Gabor Steingart verzichten auf die gebotene Sorgfaltspflicht (im Falle von Thunbergs Aussagen zur Atomkraft) und kaprizieren sich bei der Klimadebatte nur auf die Person Greta Thunberg. Einer kritischen, sachlichen Auseinandersetzung mit der Klimathematik und dem dramatischen Aussterben von Arten verweigert sich die Zunft der konservativen Schreiber und mit ihnen die Blattmacher. Fleischhauer wettert lieber gegen die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten: „ARD und ZDF ignorieren das Rauschen des Unmuts in der Bevölkerung“, dass er und seinesgleichen als Motor dieser „Windmaschine“ fungieren, wird außer acht gelassen. Zuschlechterletzt sind es insbesondere die Vertreter der völkisch-nationalen AfD, welche sich weigern, die Gefahr der Klimaerhitzung anzuerkennen. Nach dem Euro und der Zuwanderung ist dies das nächste große Thema der Rechtsnationalen und sie gerieren sich so zum Fürsprecher der „kleinen Leute“. Aber auch für exponierte Vertreter der Liberalen, wie dem Bundesvorsitzenden Christian Lindner, sind Klima- und Umweltschutz „Teufelszeug“ und Lindner scheut sich nicht tief in den rhetorischen Schmutzkübel zu greifen, um im Lager der Klimaleugner auf Stimmenfang zu gehen.
Der reflexhafte Argwohn oder gar die Ablehnung gegenüber jeglicher staatlich verordneter klimaschonender Maßnahme entspringt gewissen materiellen Verlustängsten oder der Ablehnung gegenüber Änderungen im Lebensstil. Das vermeintliche Anrecht auf ständig steigenden Resourcenverbrauch erscheint als Primat westlichen Lebensstils. Dass diese Ideologie beständigen Wachstums alternativlos scheint und zu Lasten eines Großteils der Erdbevölkerung sowie hierzulande zu einer physischen und psychischen Leistungsüberforderung führt, wird der Bequemlichkeit halber ausgeblendet.

Es scheint fast so, als wäre eine Phalanx aus vermeintlich freiheitsliebenden und der Selbstbestimmung das Wort redenden Protagonisten der hedonistischen Heilslehre bemüht, Nebelkerzen zu werfen und so die Debatte am Kochen zu halten, um den klaren Blick auf eines der existenziellsten Probleme der Menschheit zu verhindern.

Dass sich auf Seiten der Klimaschützer hierdurch die Stimmung aufheizt und dies zu durchaus unreflektierten Reaktionen führt, schadet dem eigenen Ruf und lässt Sachargumente in den Hintergrund treten.
Dies alles ist kleinmütig, wenig konstruktiv und zeitverschwendend, denn hiervon haben wir zu wenig.
Trotz aller negativen Erscheinungen und Verwerfungen im aktuellen gesellschaftlichen Diskurs gibt es doch Anlass zur Zuversicht. FFF und die zahllosen Aktivisten in den Natur- und Umweltschutzverbänden haben binnen kurzer Zeit die überlebenswichtigen Themen Klima- und Artenschutz mitten in die Gesellschaft transportiert. Die Wissenschaft liefert durch ihre Expertisen das fachliche Fundament und selbst wem dies alles nicht vollständig zu überzeugen vermag, gibt es doch spür- und erlebbare Zeugnisse, wie dramatisch es um die Schöpfung bestellt ist, ein Blick auf die nicht allzu fernen Gletscher in den Alpen oder in die Wälder sollte genügen, um alle Zweifel zu beseitigen.
Und trotzdem müssen die Proteste, bis hin zum zivilen Ungehorsam, weitergehen, um die politisch Verantwortlichen zum Handeln zu verpflichten und das gesellschaftliche Einverständnis zu erhalten, allen Ignoranten zum Trotz.

 

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