Bei den gesellschaftlichen und politischen Debatten über die Einordnung der drohenden Gefahren für den Fortbestand unseres Planeten, zuvorderst die Erderhitzung, das Artensterben und die weltweite Divergenz der Lebensverhältnisse, wäre es ratsam, die derzeitige Situation rückblickend aus der Perspektive im Jahr 2050 zu betrachten.
Ziemlich sicher würden uns dann die vielen, unter dem Verdikt des Sachzwangs getroffenen, oder eben nicht getroffenen Entscheidungen als unverständlich, ja geradezu absurd erscheinen.
Wie anders ließe sich sonst erklären, dass sich die Bundesregierung sehr wohl wissenschaftlichen Rat einholt, ihre Entscheidungen jedoch stets in Abstimmung mit den Interessensgruppen aus Industrie und Finanzwirtschaft trifft und sich dabei fahrlässig über die Faktenlage hinwegsetzt.
Ein zukunftsfähiges Verkehrskonzept? Fehlanzeige, man lässt die Autoindustrie gewähren, weiterhin den Individualverkehr zu priorisieren und zudem verbrauchsintesivste Fahrzeuge als Lifestyleobjekte zu vermarkten.
Energiewende? Ausstieg aus der Kohleverstromung? Nur keine Eile! Man sorgt sich um geschätzt 20.000 Kohlekumpel, die aus politischer Kurzsichtigkeit 80.000 weggefallenen Stellen in der Solarindustrie werden negiert, der notwendige Strukturwandel vertagt.
Zukunftsfähige Landwirtschaft oder gar eine Agrarwende? Nicht in Sicht! Weiterhin setzt man, das Tierwohl und die Umweltbelastungen missachtend, auf die segensreichen Effekte der industriellen Landwirtschaft: Lebensmittelexporte und hohe Profite in der Agrarindustrie.
Die Gesellschaft, oder besser, der Teil, der es sich leisten kann, verhält sich nicht minder absurd. In ihrem Konsumverhalten entspricht dies ziemlich genau den Erwartungen der politischen Klasse. Das 2,5t Geländecoupe und der mehrmalige Kurztripp nach Übersee verweisen auf eine gewisse Saturiertheit.
Aktuell wird die 2050er Perspektive wohltuend durch eine Bewegung ersetzt, der man bis vor Kurzem das Prädikat des Unpolitischen anheftete. Jugendliche, genauer Schüler und Studenten, inspiriert von der 16jährigen Schwedin Greta Thunberg, haben das Vertrauen in die politischen Eliten verloren und gehen Freitags auf die Straße, um für Klimaschutz und den Fortbestand des Planeten zu demonstrieren. Die Idee und Durchführung des Protests ist gleichermaßen evident und genial. Diese Generation wird wohl, wie keine andere zuvor, als erste die Wucht der klimatischen Veränderungen am eigenen Leib zu spüren bekommen und mag den wachsweichen Versprechungen und Vertröstungen keinen Glauben mehr schenken. Hierfür dem Unterricht fernzubleiben schafft die notwendige öffentliche Aufmerksamkeit und die so wichtige Vernetzung beherrscht diese Generation ohnehin.
Bezeichnend sind hierauf die Reaktionen aus der Politik. Vom bockbeinigen Verweis auf die Schulpflicht bis zur wohlwollenden, die politische Orientiertheit der Jugend lobenden Zustimmung wird alles aufgeboten. Allein die Taten und die Entschlusskraft für wirkliche Veränderungen bleiben aus.
Aber auch uns allen geböte es, mit einem gewissen Maß an Demut das Aufstehen der Jugendlichen zu betrachten. Offensichtlich haben wir nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die notwendigen gesellschaftlichen und politischen Veränderungen herbeizuführen.
Dennoch besteht Hoffnung und gleichermaßen lässt diese Entwicklung Optimismus aufkeimen. Notwendig ist eine Solidarisierung, Unterstützung und Vernetzung mit dieser Bewegung durch alle relevanten Kräfte aus dem Umwelt- und Naturschutzbereich, besser noch darüber hinaus. Es wäre die vielleicht einmalige Chance, die überfälligen Weichenstellungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene herbeizuführen, wohl wissend, dass dies im ureigensten Interesse unserer Kinder und Enkel geschieht.
Hut ab, Friedl, wieder voll getroffen!
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