Verfügten die polnischen, französischen oder italienischen Wölfe über einen Zugang zu unseren Informationskanälen und wären sie zudem des Lesens mächtig, sie würden wohl einen großen Bogen um Deutschland machen, auf dem ihnen innewohnenden Drang nach Wanderschaft. Spätestens seit der unsäglichen Debatte hierzulande über Flüchtlingsströme, wäre ihnen der Gedanke, in Deutschland nach neuen Habitaten zu suchen, als undenkbar, ja gerade absurd erschienen. Tja, man hat´s nicht leicht als Einwanderer im Land der „Richter und Henker“, weder als Homo sapiens, noch als Canis lupus.
Nun, mangels eingangs genannter Fähigkeiten, wandern immer wieder Wölfe nach Deutschland ein und haben, vor allem im Norden und Osten der Republik, Nischen gefunden und sich niedergelassen. So weit so gut, bzw. schlecht, je nach Perspektive.
Die Koexistenz von Meister Isegrim und Mensch war schon vor seiner Ausrottung im 19. Jahrhundert nicht gerade spannungsfrei. Und so kommt es auch heute immer wieder zu kleinen und größeren Übergriffen von Wölfen auf Nutztiere. Aus Sicht des Wolfes stellen Weidetiere, insbesondere Schafe und Ziegen, eine ideale Nahrungsquelle dar: geringer Fluchtreflex, meist ungenügend oder gar nicht durch entsprechende Maßnahmen geschützt, in der Summe eine leichte Beute, im Vergleich zu Wildtieren. Dieses, aus wildbiologischer Sicht evidente Verhalten, erregt mal mehr, mal weniger die Gemüter, insbesondere jene der Nutztierhalter. Deren Ruf nach Sanktionen ist nachvollziehbar und begründet. Aufgenommen und eskaliert werden derlei Meldungen von Wolfsübergriffen auf Nutztiere nur allzu bereitwillig von den Medien. Die inhaltliche Substanz dieser Meldungen steht meist, insbesondere bei der Boulevardpresse, im krassen Widerspruch zu ihrer Aufmachung, was zählt, ist die Auflage. Diese Agitation verfehlt nicht ihre Wirkung, gerade in ländlichen Gegenden wird das Thema zunehmend zum Politikum. Um das Ausmaß der öffentlichen Debatte und deren Irrationalität zu begreifen, genügt ein Blick auf die jüngsten Ereignisse, sogar beim CDU-Parteitag, vergangenes Wochenende in Hamburg, war „der Wolf“ Teil der Debatte.
Die Konservativen, aber auch einige SPD-Ministerpräsidenten beeilen sich, in der Diskussion um den Wolf verlorengegangenes Terrain wiedergutzumachen. Insbesondere in Bundesländern mit Wolfsvorkommen fühlen sich Bürger mit dem „Wolfsproblem“ alleine gelassen und finden Unterstützung bei der AfD. Deren Vertreter schwadronieren von bewusster, aktiver Wiedereinbürgerung der „Bestie“ und agitieren in diesem Zusammenhang gegen „Wolfsfreunde“, und die gesamte „großstädtische Naturschutzbewegung“.
Um Entschlossenheit und klare Kante zu beweisen, würde so mancher Umweltminister oder Ministerpräsident gerne, am liebsten täglich, den Wolfsgegnern einen erlegten (euphemistisch gesprochen: entnommenen) Wolf vor die Füße legen.
Die Stimmung ist aufgeheizt und jetzt rächen sich die Untätigkeit und fehlende vorbereitende Maßnahmen bei der Rückkehr der Beutegreifer Wolf, Bär und Luchs. Die seit Jahren wiederholten Forderungen von Wildbiologen und Umweltschützern nach Managementplänen verhallten ungehört, scheiterten aber vor allem am Willen, der Entschlossenheit und dem Bückling der politisch Verantwortlichen vor den großen Interessensverbänden der Nutztierhalter und der Jägerschaft.
Die Gesellschaft begrüßt in ihrer Mehrheit die Rückkehr einst ausgerotteter Wildtiere. Der verklärte Blick so mancher Naturromantiker, geprägt von einer Sehnsucht nach Ursprünlichkeit und Wildnis, ist aber hier genauso fehl am Platze, wie die Forderung von Politikern nach wolfsbefreiten Gebieten. Die Einwanderung der Wölfe ist ein Faktum, wer den Menschen verspricht, sie davor zu schützen, handelt fahrlässig und in Unkenntnis wildbiologischer Zusammenhänge.
Weidetierhalter und deren Nutztiere sind derzeit die Leidtragenden fehlender Mangementpläne. Die Weidetierhaltung trägt in hohem Maße zum Erhalt der Artenvielfalt bei, diese Gemeinwohlleistung muss in entsprechendem Maße von der Gesellschaft honoriert werden. Gutes Wolfsmanagement zeichnet sich durch fachkundige Beratung und finanzielle Unterstützung beim Herdenschutz und bei entstandenen Wolfsrissen aus. Und ja, auch der Abschuss verhaltensauffälliger Tiere muss möglich sein und ist dies bereits aufgrund der derzeitigen Gesetzeslage.
Der Wolf ist weder gut noch böse, derlei menschliche Zuschreibung verfehlt das Wesensmerkmal dieses einzigartigen Tieres. Der Wolf und auch der Luchs regulieren und vervollständigen in idealtypischer Weise unseren Wildtierbestand.
Zuallerletzt sollten sie zum Spielball populistischer Spielchen werden.
Ganz großer Trost in der Vorweihnachtszeit:
„Wenn die staade Zeit vorbei ist,
wirds a wieder ruhiger“ Karl V.
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